Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Von den ersten Operetten
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 77 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: Von den ersten Operetten Eine jiddische „Operette" ist nicht ganz das gleiche Genre wie die sonst übliche Form, sie hat mancherlei nicht nur von der großen Oper, sondern auch vom Volksstück mit Gesang und Tanz, ja sogar vom Vaudeville. Sie ist also eine Mischform aus solchen theatralischen Mischformen. Bei den am leichtesten zusammengebrauten Exemplaren der Gattung wird an Text und Musik aufeinander gepfropft, was nur zu holen ist und gleichgültig woher, so daß etwa mitten aus einer ans Kriminalfilmische grenzenden Dialogszene ein schlichtes, schönes Duett hervorgehen kann, das bisher ein ukrainisch-jüdisches Volkslied war. Kein Wunder also, wenn man in fünfzig Theaterinseraten einer New Yorker jiddischen Tageszeitung kaum bei zehn Stücken den Namen der Librettisten und Komponisten findet. Aber diese laxe Behandlung des geistigen Eigentums, besser: dieser Mangel an Schöpferart ist überall zu finden, wo Kunst für den Massenverbrauch hergestellt wird, gleichgültig ob nun ein moderner Schlagerkomponist Mozartmotive „bearbeitet" oder Hugo Hirsch Peßach-Melodien in seiner „Scheidungsreise" moduliert oder in einem Pariser Tonfilm von Weltruf eine Beethoven-Melodie verjazzt wird. Trotzdem hat die jiddische Operette oft genug Charakter und eignen Reiz, besonders wo sie aus dem Mutterboden und der Muttersprache genährt ist. Es gab und gibt seit Goldfaden so etwas wie die „biblische Operette"; dazu kommt die modernere Ghetto-Operette mit allen eingewurzelten Requisiten: Erscheinungen wie Schadehen, Hochzeit, Schnorrer, Kaddisch, Feiertagen usw. Wie erscheint das nun in den europäischen Formen des Chansons, Couplets, Duetts, der Arie? Wir wollen ein paar Beispiele aus der ersten Epoche der jiddischen Bühne, aus den achtziger und neunziger Jahren geben, wo die jiddische Sprache noch häufig gern „teitschmerisch", deutschelnd gehandhabt wurde. Dies Deutschein war innerlich begründet; die längst vom jüdischen Nationalstolz erfaßten Autoren der Opern, Operetten, Volksstücke oder Singspiele in Goldfadens Gefolge, die nicht bloß unterhalten, sondern auch erziehen wollten, betrachteten ihre Muttersprache noch ebenso als „Jargon", wie die Fremden es taten, und glaubten sie nur nach der Richtung des Neuhochdeutschen „veredeln" zu können, im Einklang mit den Bestrebungen, die ostjüdische Volksseele zu veredeln, zu entmittelaltern, zu modernisieren. Es gibt nichts Bezeichnenderes 77