Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Umweg über die Brücke
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 75 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Umweg über die Brücke einen schwarzen Bart bis auf die Brust. Dieser machte sein Gesicht fast feierlich, und hierzu stand seltsam das blütenweiße Hemd mit den aufgekrempelten Ärmeln, die weiße, etwas kurze Hose und die sandalenartige Fußbekleidung. Während wir noch aufmerksam den Handel beobachteten, der in aller Schnelligkeit, ohne Feilschen, mit lange gewohnten Gebärden vor sich ging, trat der Schiffer zu uns und deutete verstohlen hin. „Das ist ein Jude", sagte er. „Der verkauft seit lange hier herum auf den Booten, er hat das Geschäft von seinem Vater." Unterdem warf der Mann einen blitzschnellen Blick auf uns und eilte zu uns herüber. „Ich irre mich doch nicht — ein Glaubensgenosse?" rief er und streckte Werner die Hand hin. „Sie irren," sagte Werner bleichwerdend, aber in kaltem Ton, und wandte ihm den Rücken. Er ging nach hinten, und ich folgte, verwundert und beschämt, ohne den Mut, dem Freund zu widersprechen. Ich blickte noch einmal um, da stand der Fremde ungerührt und schaute uns, leicht den Kopf schaukelnd, nach. Die Verstimmung dauerte an zwischen uns. Mir schien, als habe Werner auch mich verleugnet, und ich näherte mich ihm nicht, er aber war so in sich selbst versunken, daß er mich kaum beachtete. Die Unbefangenheit des Dahinlebens, die Begegnungen mit ihm so vollendet erscheinen ließ, war von ihm genommen. Er warf neue, sonderbare Blicke auf seine Umgebung, auch sein Äußeres vernachlässigte er. Endlich, wir gingen an einem Sonntag über Land — das Schiff lag nahe der holländischen Grenze in Sonntagsruhe vor Anker — wollte ich nicht länger warten. Werner schlenderte in dem dünnen Regen neben mir her wie ein Landstreicher, gleichgültig in die Ebene hineinblickend, fremd gegen alle Dinge tuend, die mich freuten: eine Windmühle, dann daß wir in einer Schenke die Bedienerin nicht verstehen konnten, und eine uralte Allee an einer Dorfstraße entlang. Er verspottete mich. Da blieb ich stehen, mitten auf dem Feld, packte ihn an den Schultern und schrie ihn an, er solle sich gefälligst zusammennehmen. „Zusammennehmen?", schrie er zurück. Er habe genug, seinerseits. Und mit Leidenschaft schleuderte "er Anklagen gegen die Weltordnung und gegen den Platz, an den ihn ein unlenkbares Geschick werfe. Er aber lasse sich nicht so übertölpeln, er nicht, er wolle seinen Willen dagegen setzen. Schon damals ließ er etwas von dem sonderbaren Plan durchblicken, den er auch später ausführen sollte, aber ich verstand ihn nicht recht, und wenn, ich hätte ihn nicht abhalten können. Vielleicht ist es so, daß ich unbeirrbarer in der Welt und ihren Dingen ruhe. 75