Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Umweg über die Brücke
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 76 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gina Gärtier: Umweg über die Brücke Wie hätte ich Worte finden können, die ihn dazu gebracht hätten, sich wieder zu lieben und zu achten. Ob ers nicht wenigstens versuchen wolle, sich einzureihen, fragte ich. Und er: „Allein will ich bleiben, ganz allein", mit einem heftigen Lachen. Es war das Ende. Ich liebte ihn noch, aber die Brücke war zerbrochen. Ich führte ihn sanft am Arm ans Ufer zurück. Es dämmerte, ein regnerisches Abendrot hing weit im Westen. Bereits mußte ich mich nach ihm sehnen, als sei er für immer fortgegangen. Wir riefen: „Doordrecht hau!" und setzten über. Wir wurden nicht mehr glücklich miteinander. In der ersten Nacht an Land entfloh er mir, nach Frankreich, so erfuhr ichs später. Er ließ mir einen Zettel zurück: ,Einmal sagte die Frau des Schiffers, als wir unsere Hände in das grünliche Wasser tauchten: Im Rhein wasche dich rein. Ich will versuchen, zu leben, wie irgendeiner/" Bettina seufzte mitleidig auf, schob ihre Hand in die Hand Elis und löste seine verkrampften Finger. Im Gebüsch hinter ihnen raschelte eine Maus, sie achteten nicht darauf. „Alleine gefiel es mir nicht in Holland. So satt sind sie, sitzen behäbig an ihren hellen Fenstern, dachte ich, und die Bilder lassen sie in den Museen hängen, für die Fremden. Die Einsamkeit schmerzte mich bitter. Ich war in der Fremde. Nach einigen Wochen, die ich planlos verbrachte, erreichte mich ein Brief von Werners Vater. Es schien mir, als ich ihn gelesen hatte, als ob ich nun keine Minute mehr verlieren dürfe, sondern nach Hause fahren müsse, um mit mir ins Reine zu kommen. Das Haus in Paris, in dem Werner gewohnt hatte, war .des Nachts in Brand geraten. Werner war nicht erwacht." Das Mädchen weinte auf und verbarg das Gesicht in den Händen. „Weine, du Liebe," rief der Mann aus. „Vielleicht wünschte er sich einen solchen Tod." „Oder es war eine Luft um ihn, die dazu verführte... eine vogelfreie," erwiderte Bettina nach einer Pause. Sie umarmten sich lange, wie Geschwister, die einander trösten wollen. Das Mädchen fand zuerst den Augenblick wieder und löste sich, eine Liebende, von dem Manne. Er wollte sie noch prüfen und beugte sich über ihr Gesicht und flüsterte: „Ich warf dem Pferd das Futter hin." „Welch unglückseliger Zufall", murmelte Bettina. „Aber ich mischte es nicht, — Liebe." Des Sommers späte Süße überwältigte sie. 76