Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Umweg über die Brücke
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 72 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895569-2907160--09751-2907215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gina Gärtier führt', dachte er. ,Gerne gehe ich den Weg, des Abends/ Währenddessen schaute das Mädchen die ganze Zeit auf die rechte Seite hinüber, ins Tal, das ihr vertraut war. In halber Betäubung öffnete sie die Augen gegen die Flut von Licht, in der die Schatten der Weidenbäume in gewundener Reihe, wie windbewegte Girlanden, den unsichtbaren Bach begleiteten. Nur wenn ein Obstbaumschatten wie ein Schlag in ihre Blicke fiel, wußte sie, daß sie auf einem Rade saß und sich bewegte. Doch vergaß sie alsbald wieder sich selber. Sie erschrak, als sie Elis Stimme hörte. Er sagte: „Wollen wir nicht absteigen und über das Brücklein nach Hause gehen?" Sie schoben die Räder mühselig über die Furchen, die beladene Wagen in die regenweiche Erde gegraben. Unter ihnen gluckste leise der Bach auf, dunkles Band, der Weg drängte quer durch die Wiesen nach dem Walde hin. Sein einheitlicher Streif entwirrte sich zu flirrenden Blättern und beperltem Gesträuch, sie fuhren weich an seinem Rande hin auf einem grasigen Pfad, der bald endete. Jetzt gingen sie auf die andere Seite des Weges hinüber und weiter auf der Grenze zwischen Weg und Acker. Eli schob beide Räder. Bettina hielt in der Hand einen Buchenzweig, mit dessen Blättern sie spielte. Manchmal sah sie auf in das Gesicht ihres Begleiters und verlor sich tiefer. Sie wollte es so. Eli sagte ihr, wie er das Tal besonders liebe, wenn die Dunkelheit zwar schon den Osten bedrohe, aber der westliche Himmel noch, in einem verglimmenden Rot erhellt, den Tag festhalte. An solcher Grenze trenne man sich am besten von den Dingen, die man nicht mehr behalten dürfe. „An einem solchen Abend trennte ich mich von meinem Freund," erzählte Eli. „Er wurde mir innig vertraut, als das Alleinsein über uns hereinbrach. Wir lebten beide damals in einer süddeutschen Universitätsstadt. Als sich die Zufallsbekanntschaften lockerten, fanden wir uns plötzlich durch vieles eng verknüpft, was uns früher nicht der Beachtung wert schien. Wir musterten unsere Bücher und sahen, daß wir die gleichen liebten, unsere Bilder, und fanden uns auch hier. Er bekannte sich zu Vincent, ich zu Marees, er hob den Kleist in den Himmel, ich den Hölderlin. Doch der gleiche Antrieb beseelte uns, und wenn wir mit dem Rücken gegen die Kacheln, am Boden kauernd,, einander vorlasen, was jeden ergriff, zitterten wir unter der gleichen Erschütterung. Nie sonst erlebte ich Widerklang wie diesen." Zornig schaute Bettina zu Boden. Die Beiden waren unterdessen an eine Lichtung gekommen, die man in den Wald geschlagen hatte, um der Überlandleitung Platz zu schaffen. Der dicke Draht spannte sich leuchtend quer 72