Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Umweg über die Brücke
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 70 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gina Gärtier mit Erntemüdigkeit entschuldigt, als sie ihn unvermutet an der Haltestelle erblickte. Nun hatte er sie hart genannt, und sie wollte ihm erklären.. Es sei oft besser für die Selbstachtung, wollte sie ihm entgegnen, und ein seliges Gefühl der Verdammnis preßte ihr die Kehle zusammen. Doch dann sagte sie: „An einem Abend damals traf ich ihn — wieder einmal — auf dem Weg, der am Güterbahnhof vorbeiführt, dort, wo er von Schmalgeleisen einer Fabrik überschnitten wird. Wir trafen uns oft hier, manchmal wartete ich vergebens, es war eine einsame Straße, fast unheimlich. Links kreuzten sich die Geleise hinter einem hohen Gitter, rechts stieg Mischwald und niederes Gehölz an steilem Abhang hoch. Unten lag der rote Sandstein bloß, in den sich Schlehen hakten. Es war sehr dunkel, und der Wind blies stark. Wir wanderten auf und ab und sprachen und stritten. Endlich fror ich, und wir stellten uns in den Windschatten eines Kohlenwagens. Wir lebten in einer kleinen Stadt, es fiel mir nicht auf, daß unsere Zusammenkünfte verborgen bleiben sollten. Mich hätte unerträglicher Vorwurf und vertrauliche Frage zuhause gequält, wir wären, aus verschiedenen Schichten stammend, beargwöhnt und bespitzelt worden. Zudem fragte ich nicht, ich vertraute. Unterdessen ging jener Mann die gleichen Gänge durch den Wald und über die Hügel mit dieser und der. Er war unersättlich im Hochgefühl der stets erneuten Betörung. Nie seitdem habe ich jemanden getroffen, der lieber log. Er tat es nicht allein, um sein Doppelspiel zu verbergen, sondern aus Freude am unsauberen Gespinst. So ist mir nie eine lächerliche Kleinigkeit aus dem Sinn gekommen: als er sich einmal überm Kartenspiel verspätet hatte, erklärte er mit zärtlich warmer Stimme, er habe seiner Mutter den Ofen repariert, sicher, daß mich diese Aussage rühren würde. Ich verzieh alles. Ist's nicht eine Erinnerung, die mir jede Weichheit vertreiben muß? Denn er trieb es sehr weit, so weit, daß ich an einem Abend, als ich oben hinauf in den Steinbruch geklettert war, erwog, mich hinab ins rotbrennende Tal fallen zu lassen, um zu vergessen, und am nächsten Abend ihn mit einem alten stumpfen Messer bedrohte, das ich irgendwo gefunden hatte. Er erbleichte nicht einmal davor, so rostig und schartig wars. Manchmal war es auch schön, wenn mich der Schmerz zwang, auf den harten Steinboden zu knien und mit den Fäusten einen Schrei hinunterzupressen. Oder einmal schwamm ich mit ihm durch einen See und hielt seine Hand, unwirklich durch eine fremde Kraft, unter Wasser in der meinen. Heute weiß ich, daß einer, der halb ist, aus Verlegenheit böse Dinge tut, wenn man Ganzes von ihm fordert. Aber damals 70