Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Entwicklungslinien des Nationalismus
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 63 (sequence 5)
- Language
- German
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Entwicklungslinien des Nationalismus weniger den national gemischten Staaten eine Lösung ihrer innerpolitischen Probleme bringen. Sollte in den „Nationalitätenstaaten" eine dauernde innerpolitische Stabilisierung eintreten, so hätte in diesen Staaten der Nationsgedanke der Staatsidee mindestens gleich-, wenn nicht übergeordnet werden müssen. Sieht man von den seit langem national befriedeten Verhältnissen in der Schweiz und in Belgien ab, so gab es in den letzten Dezennien des vergangenen Jahrhunderts nur noch drei übernationale Staaten in Europa: Österreich, Rußland und die Türkei. In keiner der drei Monarchien war jedoch die Nation dem Staat gleichgeordnet. Zwar hatte Österreich seinen Nationalitäten teilweise recht weitgehende Rechte gewährt. Aber letztlich überwog auch im Habsburgerreich der Staatsgedanke die Nationsidee, so daß man den „Volksstämmen" nicht die von ihnen begehrte nationale Autonomie einräumte. Noch stärker war naturgemäß in Rußland und der Türkei die Nationsidee zugunsten des Staates zurückgedrängt, da hier fast absolutistische Staatsauffassungen herrschten. Bei dieser Betonung des Staatsgedankens konnten sogar in den Nationalitätenstaaten vereinzelte Versuche zur Begründung eines Staatsnationalismus nicht ausbleiben; die auf Schaffung einer „osmanischen" Nation gerichtete jungtürkische Bewegung liefert ein Beispiel. Aber derartige Strömungen konnten keinen dauernden Erfolg haben, da es eben in den Nationalitätenstaaten an einer einheitlichen Staatsnation fehlte. Mitunter trieben die staatsnationalistisch gefärbten Gedanken in den Nationalitätenstaaten sogar recht sonderbare Blüten. So publizierte 1886 der Wiener "Rabbiner Bloch eine Broschüre, in der er den Juden empfahl, „jüdische Österreicher" der Nationalität nach zu werden. Daß eine derartige Auffassung in den breiten Schichten des österreichischen Judentums keine Resonanz finden konnte, leuchtet ein. Denn noch weniger als in der Türkei eine „osmanische", bestand in Österreich eine „österreichische" Nation. Wären die Juden dem Rat des Wiener Rabbiners gefolgt, so hätten sie die nationale Vielfalt des Habsburgerreiches um eine seltsame Gruppe bereichert. Infolgedessen haben sie es vorgezogen, sich teils den Nationalitäten Österreichs einzugliedern, teils — freilich ohne Erfolg — nationale Anerkennung als selbständige jüdische Gruppe zu fordern. Da somit in Rußland, Österreich und der Türkei ein Staatsnationalismus unmöglich war, entfaltete das Nationalitätenprinzip bis zum Weltkrieg eine staatszerstörende Wirkung in den drei Monarchien. Die Nationalitäten der drei Reiche entwickelten zentrifugale Kräfte, die teilweise sogar zur Irredentenbildung führten. So sind die letzten Dezennenien des vergangenen Jahr- 63