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Der Morgen · 1937-05-01 · Heft 2 (Mai 1937) · p. 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1937)
Article
Entwicklungslinien des Nationalismus
Date
1937-05-01
Page
62 (sequence 4)
Language
German
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Kurt Stillschweig innenpolitisch steht deshalb im 19. Jahrhundert der Staat über der Nation. Diese Superiorität der Staatsidee zeigte sich darin, daß die Nation berufen erschien, den Staat zu stärken und seine Souveränität zu festigen. Dazu aber hielt man vor allem für erforderlich, daß in einem Staat nur eine einzige Nation lebe. Mit diesem Gedanken wurde das ursprünglich nach außen gerichtete Nationalitätenprinzip („jede Nation ein Staat") zu einem nach innen gekehrten Staatsnationalismus gesteigert. Das im 19. Jahrhundert vorherrschende Ideal des Nationalstaates entstand, mit der Parole: „Jeder Staat eine Nation". Statt der alten These: „cuius regio eius religio" galt also der Satz: „cuius regio eius natio". Der so zum innenpolitischen Programm des 19. Jahrhunderts erhobene Staatsnationalismus äußerte sich psychologisch und politisch. Psychologisch dadurch, daß sich innerhalb der Staatsvölker die Affekte verstärkten, die ohnehin in jeder Nation gegen die in ihrer Mitte lebenden, ethnisch fremden Splitter bestehen; politisch dadurch, daß in vielen Ländern Europas eine von den Staatsnationen getragene, mit staatlichen Mitteln verwirklichte und gegen die Splittergruppen gerichtete Assimilationspolitik einsetzte. Der Erfolg dieser nach innen gerichteten nationalen Expansionen war freilich recht unterschiedlich. Gegenüber einigen Gruppen führten sie — wenigstens schien es den Staatsnationen so — zu dem gewünschten Ergebnis. Bei andern Volkssplittern dagegen erreichte der Staatsnationalismus gerade das Gegenteil des Erstrebten: er erzeugte oder verstärkte die nationalen Gefühle der Minorität. Die Juden liefern ein Beispiel für beide Wirkungen. In den westlichen Ländern führte die politische Komponente des Staatsnationalismus, also die Assimilationspolitik, zu einer wirklichen oder vermeintlichen Eingliederung. Anderwärts dagegen erwachte durch die Verstärkung der nationalen Affekte der Mehrheit ein besonders geartetes Nationalbewußtsein in den Juden. Charakteristisch hierfür ist die Nationsauffassung Herzls. Ihm ist der „Feind... der eiserne Reifen der Nation" — „wir sind ein Volk, der Feind macht uns ohne unsern Willen dazu". Hier erscheint der Begriff des Volkes geradezu als Reaktion gegen die nationalen Affekte der Umwelt — eine Auffassung, wie sie, seltsames Spiel der Geschichte, ähnlich von dem Antisemiten Paul de Lagarde vertreten worden ist. „Ein Volk sein, heißt eine gemeinsame Not empfinden", so meint de Lagarde. Vermochte es somit der Staatsnationalismus nicht, in Staaten mit national einheitlicher Bevölkerung fremdvölkische Regungen der Splittergruppen völlig auszuschalten, so konnte er umso 62

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