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Der Morgen · 1937-05-01 · Heft 2 (Mai 1937) · p. 60

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1937)
Article
Entwicklungslinien des Nationalismus
Date
1937-05-01
Page
60 (sequence 2)
Language
German
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Kurt Stillschweig Übergangsepoche, die, wie er zunächst glaubte, durch ökonomische Faktoren ihr Ende finden würde. Der Sozialismus hat es jedoch nicht vermocht, sich auf die Dauer der Kraft des nationalen Gedankens völlig zu verschließen; und auch dem Legitimitätsprinzip ist es nicht gelungen, den Lauf der nationalen Bewegungen aufzuhalten. Der Sozialismus sah sich unter dem Eindruck des mehr und mehr aufstrebenden Nationalbewußtseins genötigt, seine antinationale Haltung zu revidieren und vor allem in Österreich ein Programm der nationalen Autonomie anzunehmen. Charakteristischerweise konnte jedoch diese Konzession an den nationalen Gedanken ihre antinationale Herkunft nicht ganz verleugnen. Das wird besonders dadurch deutlich, daß die Sozialdemokraten Österreichs sich hartnäckig gegen eine von den Juden geforderte Anerkennung einer jüdischen Nationalität sträubten. Der Grund lag darin, daß die sozialdemokratischen Wortführer jede nichtökonomisch ausgerichtete Betrachtung der Judenfrage ablehnten. Immerhin war, wie namentlich der Brünner Parteitag 1899 zeigte, der nationale Gedanke stark genug, um auch in den Sozialismus Eingang zu finden. Für den nationalen Gedanken war eine entsprechende innere Aussöhnung mit dem Legitimitätsprinzip nicht möglich. Gegenüber den Strömungen, die den Wiener Kongreß und die „Heilige Allianz" beherrschten, konnte der Nationalismus nur durch Kampf zum Sieg gelangen. Der Nationalismus hat diesen Kampf aufgenommen: die Spannung zwischen Legitimitätsprinzip und nationalem Gedanken führte zu einer Reihe von Volkserhebungen. Ihren Ausgang nahmen die Kämpfe in Griechenland. Die Griechen, den fremdnationalen Türken Untertan, schüttelten in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Herrschaft der Hohen Pforte ab und begründeten 1830 einen selbständigen Staat. Andere nationale Bewegungen folgten; sie fanden in dem „Völkerfrühling" des Jahres 1848 ihren Höhepunkt. Zwar waren die märzlichen Forderungen in erster Linie auf innenpolitische Ziele, auf Gewährung freiheitlicher Verfassungen gerichtet. Aber hinter der demokratischen Losung stand überall das nationale Programm. Obwohl den Erhebungen eine Epoche der Reaktion folgte, ließ sich der Lauf des nationalen Gedankens nicht aufhalten. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war schließlich das Nationalitätenprinzip auch außerhalb West- und Nordeuropas teilweise verwirklicht. Eine Reihe von Nationen hatte entweder die staatliche Einigung vollzogen (Deutsche, Italiener) oder die Befreiung von fremdnationaler Herrschaft erreicht (Balkanvölker). Damit war das Legitimitätsprinzip durch den nationalen Gedanken überwunden. Der Satz: „jede Nation ein Staat" hatte gegenüber den dynastischen Interessen seine Kraft erwiesen. 60

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