Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-05-01 · Heft 2 (Mai 1937) · p. 59

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1937)
Article
Entwicklungslinien des Nationalismus
Date
1937-05-01
Page
59 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895569-2907158--09735-2907202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kurt Stillschweig: Entwicklangslinien des Nationalismus Dem im 19. Jahrhundert erwachten Nationalbewußtsein konnte der Westen und Norden Europas kaum ein politisches Betätigungsfeld bieten. Denn England, Frankreich und die skandinavischen Länder bildeten bereits Staaten mit einer im wesentlichen national einheitlichen Bevölkerung (von Ausnahmen, z. B. der irischen Frage, abgesehen). Anders lag es dagegen in den übrigen Teilen des Kontinents. In den Ländern Mittel-, Süd- und Osteuropas deckte sich das Staatsvolk nicht mit der Nation. Vielmehr waren hier die Völker entweder, wie in Deutschland und Italien, politisch zerrissen oder, wie vor allem in Österreich, Rußland und der Türkei, in anationalen Staaten zusammengeschlossen. Hier konnte deshalb das Nationalitätenprinzip eine historische Dynamik entfalten. Die Entwicklung verlief jedoch nicht gradlinig. Sie wurde von antinationalen Strömungen durchkreuzt. Zwar hatte der Universalismus der Kirchenlehre seine politische Bedeutung verloren und auch an dogmatischer Intensität eingebüßt. Aber zwei andere Faktoren übernahmen im 19. Jahrhundert die antinationale Funktion der Kirche: das Legitimitätsprinzip und der Sozialismus. Zwischen beiden Lehren lagen gedankliche Welten; das Legitimitätsprinzip, jahrhundertealt, verkündete die Rechte der Souveräne; der Sozialismus, eine junge Lehre, propagierte die Herrschaft einer Klasse. Trotzdem hatten diese polar entgegengesetzten Systeme einen gemeinsamen Untergrund: beide negierten im Kern die ethische und politische Bedeutung des Volksbegriffs. Oberste Norm für das Legitimitätsprinzip war das dynastische Interesse, nach dem allein die Staatenkarte ausgestaltet werden sollte. Daß hierdurch ethnische Einheiten zerrissen wurden, war dem Legitimismus gleichgültig. Für Metternich etwa, den bedeutendsten Vertreter des Legitimitätsprinzips, galt nur die Fülle kleiner Fürstentümer, in die Italien in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zerfiel, als politische Größe. Das Land in seiner Totalität mit seiner national einheitlichen Bevölkerung war ihm nichts als ein „geographischer Begriff" („une expression geographique"). Dieser anationale Zug des Legitimitätsprinzips wurde vom Sozialismus geradezu zu einem antinationalen gesteigert. Mußte doch der Lehre, die die Geschichte als eine Reihe von Klassenkämpfen betrachtete, das nationale Erlebnis innerlich fremd bleiben. Dem Sozialisten erschien der Nationalismus daher als eine 59

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.