Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 57 (sequence 5)
- Language
- German
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Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen tun, als nur Menschen von einem Land in ein anderes zu befördern, das sie zufällig aufnimmt. 3. Die Frage der Assimilation ist nicht für den jüdischen Parteikampf erfunden, sondern überall, wo gewandert wird, taucht auch dieses große Problem auf. Heute scheint die Entwicklung des Problems vor allem durch zwei Tendenzen bestimmt. Auf der einen Seite ist die Assimilation der Eingewanderten, wie schon erwähnt, nicht mehr ein zufälliger unwillkürlicher Vorgang, sondern Gegenstand sorgfältigster Überwachung und Beeinflussung seitens der Einwanderungsländer, und häufig genug ist der Grad der künftigen Assimilation der Eingewanderten Kampfobjekt zwischen den Regierungen des alten und des neuen Staates. Aber wenn sich die Einwanderungsländer auch der Gefahren bewußt sind, die durch das ungeregelte Einströmen schwer assimilierbarer Elemente auf ihrem Boden entstehen können, so wird es andererseits, infolge des Geburtenrückganges in Nord- und Westeuropa, vor allem den großen angelsächsischen Einwanderungsländern immer klarer, daß es nicht möglich sein wird, die ungeheuren leeren Räume mit Menschen zu bevölkern, die den jetzigen Bewohnern in Rasse, Sprache und Kultur gleich oder nahe verwandt sind. So weiß man heute etwa in Australien, daß man Süd- und Osteuropäer aufnehmen oder das Land auf absehbare Zeit leer lassen muß. Und es fehlt auch besonders in der großen Einwanderungsliteratur der Vereinigten Staaten nicht an Zeichen der Einsicht, daß man eine völlige Assimilation der Einwanderer nicht verlangen kann, ja daß es in gewissen Grenzen sogar zu einer Bereicherung der Kultur des Einwanderungslandes führt, wenn die Menschen aus ihren Heimatländern wertvolle Traditionen mitbringen und auch aufrechterhalten. Es ist kein Zweifel, daß dieser Klärungsprozeß sich, unter dem Druck des Geburtenrückganges in Nord- und Westeuropa wie in den angelsächsischen Einwanderungsstaaten selbst, fortsetzen und vertiefen muß. Hier liegt eine der großen Chancen einer vorausschauenden jüdischen Wanderungspolitik. III. Wer auf der einen Seite die jüdische Gesamtsituation zu überblicken sucht und auf der andern die Grundzüge der Weltwanderungsfrage ins Auge faßt, dem drängt sich auf das stärkste der Eindruck auf, daß die Erfolgsaussichten einer auf lange Sicht berechneten jüdischen Wanderungspolitik vor allem im Zusammenwirken mit dem britischen Empire liegen dürften. Wenn in letzter Zeit eine Reihe von Stimmen in englischen Zeitungen und Zeitschriften laut geworden sind, die davon ausgehen, daß man den ungeheuren Auswanderungsdruck, der heute auf Pa- 57