Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 58 (sequence 6)
- Language
- German
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Arthur Prinz: Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen lästina lastet, dadurch erleichtern müsse, daß man den jüdischen Massen andere Länder erschließt, und zwar Länder unter britischer Flagge, so mag dies zum Teil ein politisches Manöver sein, — ein Versuch, den Juden die Vorschläge der Royal Commission über Palästina weniger schmerzlich und erschreckend zu machen, als sie bei der heutigen jüdischen Lage sonst erscheinen müßten. Aber aus manchen dieser Vorschläge spricht sicherlich mehr als solche opportunistischen Erwägungen: die Erkenntnis nämlich, daß England, dessen Bevölkerung im Mutterlande keine natürliche Vermehrung mehr aufweist und dessen ungeheure mehr oder weniger menschenleere Besitzungen zum Teil politisch und strategisch gefährdet sind, ein starkes Interesse daran hat, die Kräfte des wirtschaftlich begabten, für die Gleichberechtigung unter britischer Flagge dankbaren und loyalen jüdischen Volkes weitgehend für die Besiedlung der leeren Räume nutzbar zu machen. Wenn führende Männer etwa in Australien und Neu-Seeland immer wieder öffentlich betonen, daß eine dichtere Bevölkerung die erste Voraussetzung zur erfolgreichen Selbstbehauptung dieser Länder gegen den Expansionsdrang farbiger Völker sei, so beweist dies gewiß nicht das mindeste für die augenblicklichen Einwanderungsmöglichkeiten in diese Staaten. Wohl aber weisen solche Äußerungen darauf hin, daß früher oder später unter dem Druck dieser politisch-strategischen, sowie auch wichtiger wirtschaftlicher Faktoren eine weitherzige Einwanderungspolitik gegenüber den Völkern weißer Rasse wird verfolgt werden müssen. Daß aber vom jüdischen Standpunkt aus gerade die britischen Dominien mit ihrem hohen Lebensstandard, ihrem im allgemeinen günstigen Klima, ihrer vollkommenen Gleichberechtigung, ihrer demokratischen Staatsverfassung und ihrem Respekt vor religiösen Werten zu den erwünschtesten Einwanderungsländern gehören, bedarf wohl keines Beweises. Es kommt hinzu, daß von allen großen politischen Mächten England das stärkste Interesse am Schicksal des jüdischen Volkes bewiesen hat, und nicht erst seit den Tagen der Balfour-Deklaration. Dieser Hinweis auf Entwicklungsmöglichkeiten im britischen Weltreich soll und darf nicht zur Außerachtlassung anderer Einwanderungsländer führen, die wirtschaftlich, politisch und klimatisch befriedigende Niederlassungsmöglichkeiten für Juden bieten. Wohl aber war es, gegenüber all den seltsamen Entdeckungsfahrten in oft sehr fragwürdige Länder, die wir heute erleben, vielleicht angebracht, jene Gebiete aufzuzeigen, die dem Einwanderer wirklich reiche Entfaltungsmöglichkeiten bieten, und auf einige der wichtigsten Vorbedingungen hinzudeuten, die erfüllt werden müssen, damit die jüdische Einwanderung als erwünschter Partner an der weiteren Erschließung dieser zukunftsreichen Länder mitwirken kann, wenn es dazu an der Zeit ist. 58