Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 55 (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen derungsfrage leisten möge, sondern daß wir es gerade unter den heutigen Umständen für die Pflicht der jüdischen Gesamtheit halten, wirtschaftlich und politisch alles zu tun, um die Lebenskraft und Aufnahmefähigkeit Palästinas zu stärken. II. Da der Auswanderungsdrang unter den 5 bis 6 Millionen Juden in Mittel- und „Zwischen"-Europa aller Voraussicht nach in unverminderter Stärke anhalten wird, während die Vereinigten Staaten im wesentlichen als Einwanderungsland ausscheiden und Palästina nur einen Teil der Einlaßsuchenden wird aufnehmen können, steht die jüdische Auswanderungspolitik vor der Riesenaufgabe, vielen Hunderttausenden, wenn nicht Millionen unserer Menschen neue Länder zu erschließen, wo sie nicht nur menschenwürdig leben, sondern auch ihr Judentum bewahren können. Kann die Erfüllung dieser Aufgabe gelingen? Unter Beibehaltung der bisherigen Methoden nur in höchst unzureichendem Maße, während bei gründlicher Wandlung große Erfolge möglich scheinen. Eine solche erfolgversprechende Umstellung der jüdischen Wanderungspolitik müßte sich vor allem auf folgende Punkte erstrecken: l. Die Einführung der amerikanischen Quotengesetze, denen eine Reihe ähnlicher Maßnahmen in anderen Ländern nachgebildet wurde, hat es deutlich gemacht, daß das Zeitalter des Liberalismus auch in der Wanderungspolitik vorüber ist. Kein einziger der größeren Überseestaaten überläßt die Zusammensetzung seiner Einwanderung heute mehr dem Zufall; keiner glaubt an die unfehlbar aufsaugende Kraft seines Landes. Vielmehr sind die meisten Regierungen sich heute sowohl über die Ziele wie über die Mittel ihrer Einwanderungspolitik im klaren, und von dieser bewußten Lenkung und Regelung der Einwanderungsströme gibt es kein Zurück, — was allerdings nicht heißt, daß eine allgemeine Tendenz zu immer schärferer Beschränkung der Wanderungen vorläge. Jedenfalls aber muß das heute noch vielfach herrschende Streben jüdischer Kreise, die jüdische Wanderung irgendwie zu tarnen, als naiv und wirkungslos bezeichnet werden; und selbst wenn nicht schon die Wanderung als solche zu einem wichtigen Politikum geworden wäre, so könnte gerade die jüdische Wanderung in einer Zeit, in der die Weltpresse soviel über jüdische Not und jüdische Kämpfe meldet, weniger als jede andere verborgen bleiben. Das Mittel zu einer erfolgreichen jüdischen Wanderungspolitik ist nicht die Tarnung, sondern im Gegenteil die wohlorganisierte Vertretung der jüdischen Wanderungsinteressen. Wenn heute etwa die polnische Auswanderung nach Frankreich, wie viele andere Wanderungsbewegungen, den Ge- 55