Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 54 (sequence 2)
- Language
- German
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Arthur Prinz polnischen Krieg von 1920 vielleicht stärker war als je zuvor, ließen die Vereinigten Staaten später jährlich nur noch wenige tausend Ostjuden ein. Diese Beschränkung beruhte übrigens nicht auf antisemitischen Motiven, sondern auf der Befürchtung, daß die ungeheure, in der letzten Vorkriegszeit im Jahresdurchschnitt über eine Million Menschen umfassende Einwanderung der politisch, kulturell, sprachlich und rassisch heterogensten Elemente aus Süd- und Osteuropa und Kleinasien die Einheit der amerikanischen Nation bedrohen könnte. Gewiß haben die Vereinigten Staaten auch heute noch nur etwa ein Zehntel der Bevölkerungsdichte Deutschlands, aber die Erschließung des Landes ist so gut wie vollendet, und die amerikanische Wirtschaft hat sich in sehr hohem Maße auf arbeitsparende Methoden eingerichtet. So deuten trotz der auch in Amerika sehr stark nachlassenden natürlichen Volks Vermehrung nur wenige Zeichen darauf foin, daß die Vereinigten Staaten jemals wieder ein Land der Masseneinwanderung werden könnten. Die Absperrung der Vereinigten Staaten schuf für die jüdische Wanderungsbewegung eine ganz neue Situation. Erst von hier an datiert eine stärkere jüdische Einwanderung in manche südamerikanische Länder, wie etwa Brasilien; ebenso nahm die Bedeutung Frankreichs als jüdisches Einwanderungsland stark zu. Vor allem aber ist es bezeichnend, daß Palästina kurz nach dem amerikanischen Quotengesetz von 1924, das der jüdischen Einwanderung den entscheidenden Schlag versetzte, seine erste Masseneinwanderung empfing — jene sogenannte „vierte Alijah" von 1925/26, die zum großen Teil völlig ungeeignete, nicht-zionistische polnische Mittelstands demente in das Land brachte und mit einer schweren Wirtschaftskrise abschloß. Der ungeheure Einwanderungsdruck auf Palästina, der mit den amerikanischen Quotengesetzen einsetzte, bedeutet eben nicht nur den größten Antrieb, sondern vielleicht auch die schwerste Gefährdung seiner Entwicklung. Er schafft jene Situation, in der, nach Weizmanns Ausdruck, „immer zu wenig Zertifikate vorhanden" sind. Die begrenzte, im Verhältnis zum jüdischen Auswanderungsdrang unzureichende Aufnahmefähigkeit Palästinas ist — neben der Aushöhlung des Minderheitenschutzes und der Absperrung des größten Einwanderungslandes der jüdischen Geschichte — der dritte entscheidende Faktor der jüdischen Wanderungssituation. Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei nochmals (wie schon in den früheren Aufsätzen vom April und Dezember vorigen Jahres) ausdrücklich betont, daß wir nicht nur wünschen, daß Palästina — von seinen durch keine Zahl meßbaren seelischen Werten abgesehen — auch einen möglichst großen quantitativen Beitrag zur Lösung der jüdischen Wan- 54