Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 53 (sequence 1)
- Language
- German
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Arthur Prinz: Jüdische Wanderungspolitik heute und morgen i. Um für die Aufgaben einer auf lange Sicht berechneten jüdischen Auswanderungspolitik den rechten Blick zu gewinnen, muß man sich vor allem drei Entwicklungsreihen vor Augen halten. Die erste besteht in dem heute nicht mehr zweifelhaften Scheitern des an sich großartigen Versuches, die Lage der Juden in „Zwischeneuropa", d. h. in jenem mächtigen Streifen Landes, der sich von den baltischen Randstaaten bis zum Schwarzen Meer und zur Adria erstreckt, durch die völkerrechtliche Konstruktion des internationalen Minderheitenschutzes zu sichern. Durch die schon seit Jahren schleichende, jetzt aber selbst dem trübsten Auge sichtbare Krise des Völkerbundes ist die Lage der Juden in den einzelnen Staaten fast ausschließlich von deren inneren Verhältnissen abhängig geworden, und infolgedessen bringt die den wachsenden Nationalismus fast überall begleitende Verschärfung des Antisemitismus auch eine unmittelbare Gefährdung der jüdischen Rechts- und Wirtschaftspositionen mit sich. Hierzu kommt, daß gewisse rein wirtschaftliche Entwicklungstendenzen, wie vor allem die Verbreitung des Genossenschaftswesens und die in allen Ländern immer größer werdende Sphäre staatlicher Wirtschaftsbetätigung, vielen traditionell jüdischen Berufen den Boden entziehen. Angesichts dieser Zusammenhänge und insbesondere gegenüber der furchtbaren Not der drei Millionen Juden in Polen erscheint die jüdische Auswanderungsfrage in Deutschland, so brennend aktuell sie für uns im Augenblick auch sein mag, nur als Teil eines ungleich größeren gesamtjüdischen Auswanderungsproblems. Der zweite entscheidende Faktor, nämlich die Absperrung der USA gegen jede Masseneinwanderung und besonders gegen jede stärkere Einwanderung aus Süd- und Osteuropa, wird selten in seiner vollen Bedeutung gewürdigt. Daß die jüdische Auswanderung aus Deutschland im Rahmen der gegebenen Bestimmungen mit einem gewissen dankenswerten Wohlwollen behandelt wird, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die amerikanischen Quotengesetze von 1921, 1924 und 1929, deren weltwirtschaftliche und weltpolitische Tragweite kaum überschätzt werden kann, die Geschichte der Judenheit besonders stark berührt haben. Denn während in den drei Jahrzehnten vor dem Weltkriege fast 2ys Millionen Ostjuden — d. h. fast 100 000 jährlich — in die Vereinigten Staaten einwanderten und der Auswanderungsdrang nach dem Weltkrieg und dem russisch- 53