Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Diesseits und jenseits vom Aequator
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 35 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895568-2907076--09692-2907134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Diesseits und jenseits vom Äquator Atem. Zwischen die kleinen älteren Villen drängen sich Wohnpaläste, und die wachsende Stadt, von der Bergwand beengt, wirft Menschentürme empor. Ein Gebirgskessel fängt schließlich die schmale Ebene auf, und die Uferstraße steigt einsam auf die Klippen der Felswand. In der heißen Bläue einer Lagune aber spiegeln sich dunkel bewaldete Gipfel, an den Seilen der Kletterpflanzen schwingen Orchideen, und das gefiederte Bambusgehölz schwankt knarrend. Affen schreien —. Wenn in der jäh fallenden Nacht die Millionen von Lichtern aufspritzen wie ein Triumph des Gelingens, dann erstrahlt in sanftem Dunst von der steilen Höhe des Corcovado-Berges über die versunkenen Schlünde und die Menschendichte und weit hinaus auf die Gewässer wie ein lebendiger Turm die ungeheure Steingestalt des nazarenischen Heilands. Das ist Rio, Stadt zwischen Ozean und Urwald, „cidade meravigliosa", singen sie in der trunkenen Stadt, singens in schmerzvoll-seligem Moll. Denn hier ist niemand heiter und lebensgewiß, als horchten sie auf den blinden Einbruch des Zufalls. Das Ungemessene dieser einmaligen Stadt erschrickt den Gefangenen, der vom erschütternden Wahnsinn der Schöpfung berückt wird. Oft muß ich von Palästina erzählen. Viele fragen danach. Das orientalische Land, daß sie nicht kennen, bietet den Fernen Heimatsegen, und sie bemerken es kaum, wie ihre Erinnerung Näheres überspringt. Ich denke an Palästina, das karge Land inmitten des alten Erdkreises. Ganz steil steht die Sonne in der trockenen Luft, die nackt ist wie ein wolkenloser Kristall. Ein Küstensaum streift am Mittelmeer entlang, schmal und schlank wie die stolzen Lippen des Arabers. Aus der Ebene, liniert von den unermüdlichen Reihen der Zitruspflanzen, steigt das Bergland von Stufe zu Stufe: Gebirge Judäa, in grau-braunem Gleichmut. Oliven und Steineichen mit fahlem Laub und geborstenen Stämmen streuen spärlichen Schatten; die Rebe saugt am karstigen Boden. Zwischen den Bergen Samarias und Galiläas wandert das offene Emektal mit Weizenfeldern und Wiesen und hangt an der Sorge der Quellen und Brunnen. In unendlicher Einsamkeit liegt Jerusalem unter dem Himmel der märchenhaften Nächte, und wie eine Zinne des Ewigen steht der Felsendom auf der Weite des Berges Moria. Dunkle Zypressen mahnen von Hügel zu Hügel, und mühbeladene Eselchen traben auf den staubigen Wegen. Das ganze Land ist hingestreckt in einer schwebenden Stille und horcht auf seine gleichnishafte Deutung. In einem kurzen und süßen Frühling nur lächelt die Erde ein keusches und blumiges Lächeln.. Wer aber, Jude oder Araber, die spröde Erde bewohnt, 35