Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Diesseits und jenseits vom Aequator
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 34 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Benjamin Rio de Janeiro glüht zwischen Ozean und Urwald, hingesunken zwischen dem Flutenden und dem unermüdlich Verschlingenden. Eine phäakische Welt, in sich und um sich beschlossen, ruht um die krausen Buchten und Inseln eines seligen Golfes und schwillt bis an die kühlere Brandung des offenen Meeres. Hier öffnet kein Strom, wie die portugiesischen Gründer meinten, einen Auslaß der Länder, und die undurchdringliche Weite des Kontinents bleibt den Bewohnern ebenso vag und fern wie den Fremden. Denn dies ist mehr als Stadt, ist eine Landschaft für sich, in inniger Einheit von Natur und besiedeltem Raum; deren Vermählung pflanzte die Stadt wie eine beseelte Blüte. Der Golf und die sanft zum Meere strömenden Täler lockten und ließen die urwaldnahe Enklave erobern, als wäre sie von der Schöpfung vorausbestimmt als das Sinnfällige und Bildhafte selbst. In solchem Zaubergarten liegt Rio de Janeiro. Paradiesische Eilande grüßen aus der Bai wie die Ufer lieblicher Seen, und um die Küsten des saphirblauen Gewässers wölbt sich das Gebirge, in kindlicher Einfalt als ein Riesenspielzeug mit weichen Gliedern geformt. Eine wollüstige Luft befeuchtet Lichter und Schatten und läßt sie in bunten und dunklen und grausam-starren Farben erglühen. Auf den Bergen, die weiter und näher den Saum des Uferlandes umspannen, strotzen smaragdene Wipfel, in den verzweigten Tälern und Hängen klimmen Straßen und umwinden die lodernden Schluchten. Weiße Häuser blicken über das Labyrinth des Golfs zu ferneren Bergen, die amethysten zerschmelzen. Unabsehbar ist der bewegte Rausch zwischen Urwald und Ozean. Wieder und wieder stufen sich sattgrüne Hügel und wuchern wie prallrunde Brüste eines erdinneren Feuers an jede Grenze des besiedelten Bodens. Bis an die Brandung der See werfen sich Felsen hinab und stellen geschliffene Kegel als Wächter über die seidige Breite des Sandstrandes. Quer durch die ältere Stadt schlägt sich vom Hafen her ein Straßenband, ein lärmtoller üppiger Boulevard; seine engen Quergassen aber ersticken wie schattige dichtgefüllte Bazare. Ein getürmter Haufe von Hochhäusern ragt im Viereck, mit Kinos, Cafes und Kontoren durch zwanzig Geschosse. Aus der Geschäftsstadt befreit, schwingen die gekrümmten Bahnen der prachtvollen Aveniden um die Buchten der Bai, bekrönt von kugeltragenden Leuchtern, und zur Seite stolziert das eitle Heer der hochgetriebenen Palmen. So wölbt sich Bogen an Bogen, stößt in windender Fahrt auf eine Hügelwand und verschwindet unter dem hangenden Berge. Die lichtgeblendete Straße schwimmt schmal im schallenden Tunnel dahin. Jetzt sind die begrenzten und heißen Horizonte des Golfes verlassen, der Ozean schlägt mit breiter Front an die offene Küste und erfrischt mit kühlerem 34