Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Diesseits und jenseits vom Aequator
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 33 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Fritz Benjamin: Diesseits und jenseits vom Äquator und schließlich zu einer zackigen Halbinsel am asiatischen Erdteil. Die Alte Welt bleibt zurück. In ihrem übersichtlichen Kreise rücken Danzig und Hamburg, Boulogne, Marseille, Venedig und Alexandrien aufs engste zusammen. Hafenein und hafenaus treibt um die Leiber der Schiffe ein gewaltiges Volk, lauern Überraschung und Abenteuer, doch alles bezieht sich wieder auf uns selber zurück. So kennt man sich aus in unserer Alten Welt, mit der man geboren wurde: Erdkreis, sagten die Alten, — ein handliches Wort, denn wir könnens nur fassen, wenn jeder für sich im Mittelpunkte eines Erdkreises steht. Jahrtausende haben uns Blick und Gestalt vermacht, und unser Geist ist es, der die Grenzen füllt. Ja, unsere Alte Welt hat sich ihre Berechtigung langsam verdient. Und wer es anmaßend schilt, sich dort als Auserwählte und gewissermaßen unter Ausschluß einer weiteren Milchstraßenöffentlichkeit behaupten zu wollen, mag es bedenken, was wir aufs Spiel setzten, als wir unsere Antipoden entdeckten! Ihre Existenz indessen sei ihnen nicht verkümmert, nur mag es ein für allemal gesagt sein, daß es uns nicht genügt, eine Urwald- Erde, besetzt mit Getier von seltsamer Art und allerhand Pflanzen zu unserer Nahrung, als unsere menschliche Welt gelten zu lassen! Menschlich wird die Erde erst dem, der sich gegen die Natur empörte. Warum mühten wir uns sonst, miteinander zu leben, gäben Gesetze und hingen einem Glauben an, der als eine Übernatur uns höher und freier erhebt! Das Natürliche ist keineswegs eingänglich und umgänglich, und der Liebe Gott allein hat das Recht, Geist und Natur in einem zu sein. Seit wir erkannten, wird der Mensch immer kleiner und kleiner, und als sich der gemessene Erdkreis gar zu unserem Planetensternchen vernebelte, ging es wieder auf unsere Kosten. Wer aber wähnte, fürderhin auf eine naturwissenschaftliche Weise mit allen Geheimnissen aufräumen zu können, sah sich schmählich verlassen im hoffnungslosen Abstand zwischen Natur und formendem Geist. So ergeht es mir mit der Neuen Welt, der wir entgegenfahren. Eine merkwürdig dunkle Masse, eine Körperlichkeit, die noch keine Gestalt annahm! Michelangelo hat Gott-Vater geschaffen. Da wurde er Bild, der Ewig-zeugende, Form von unserer Form, daß ein jeder sich im Göttlichen geborgen fühlte. — Eine Vermenschlichung muß Länder und Völker erst lockern und sinnvoll bewegen. Denn das ist nicht Natur, die einen Erdkreis schafft, und nur eine kühlere Liebe delektiert sich an Colibri und Orchidee. Ich habe auf hundert Bildern die märchenschöne Hafenbucht von Rio gesehen, und doch dunkelt Brasilien wie ein gefährliches Urland. Nicht Kolumbus oder Alexander von Humboldt entdeckten Amerika, — es war George Washington, der seine Menschen zu Amerikanern machte! * 33