Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Diesseits und jenseits vom Aequator
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 32 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Benjamin: Diesseits und jenseits vom Aequator Nachts auf der Reede vor Plymouth. Die englische Küste ist nebelfern, und Blinkfeuer kreuzen ihre samtnen Schnüre über dem Abgrund. Ein Frachtschiff rauscht mit schwerer Welle vorbei. Der Überseer blickt aus hundert starren Luken und steht in einer silbernen Lichtmuschel zwischen dem Dunkel. Unten schaukelt der gedrungene Hafentender und reibt sich an den gepolsterten Ballen. Eine Brücke führt scheinwerferhell aus dem Bauch des Ozeanschiffes zum Tender. Späte Unruhe neu gekommener Gäste streift durch Korridore und Decks. Eine geschwungene Handglocke mahnt an den Abschied. Zurückbleibende poltern über die Brücke und suchen lichtgeblendet mit nach oben gewandtem Blick. Ein junges Mädel, schlank und sommersprossig, geht tänzelnden Schrittes, wiegt sich und setzt die Fußspitzen voreinander. „Do you remember?", ruft sie lachend zum hohen Deck und singt eine kleine Melodie. „Hörst Du, das soll unsere Losung sein, dies Lied!" Ein junger Mann beugt sich über die Reling und antwortet mit schüchternem Ernst: „Ich denke an den Eierkuchen, den Deine Mutter gemacht hat", als ob ihre Lustigkeit ihm nicht eben recht wäre, und meint damit Heimat und Haus und junge Frau. Wenn der boy zum nächsten Europaurlaub zurückkehrt, wird die Unbesorgte sich des kleinen Liedes von heute nicht mehr entsinnen. Neben mir spricht es auf Deutsch: „Lieb von Dir, daß Du von London herübergekommen bist." — „Ich wollte Dich nochmal sehen, wer weiß, wann wieder!" Die beiden Frauenstimmen seufzen in der Nacht. „Bist Du eigentlich gern in London?" — „Nun, man lebt", kommt es dunkel zurück. „Und Du, kennst Du ihn schon lange?" — „Was soll ich denn machen!" — „Sag ihm, er soll gut zu Dir sein, hörst Du, er soll gut zu Dir sein!" — Schicksale fließen über die Flanken des Schiffes, bis der Tender losmacht und ins Dunkel entgleitet. * Nebelfahrt durch Tage und Nächte. Das Horn brüllt wieder und wieder, schwillt an, verklingt pfeifend. Manchmal steht der Dampfer fast still in dem milchigen Brodem, und eine lange Dünung wälzt sich unter unseren Füßen. Noch in der Tejomündung flattert unzeitgemäßer Nebel zwischen den Ufern des südlichen Fjords. Lissabon — das war also das letzte. Man fährt aus seiner alten Haut, dem Unentdeckten entgegen. Das Begrenzte schmilzt, Europa wird stündlich kleiner 32