Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Kabbala-Forschung und jüdische Geschichtsschreibung in der Universität Jerusalem
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 29 (sequence 4)
- Language
- German
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- Safed 1× ep/1046078
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Kabbala-Forschung und jüdische Geschichtsschreibung — ... Und nicht so sehr diese Wertung stört uns heute bei der Rückschau auf die Forschungslage. Wissen wir doch gut genug, daß ihre Haltung weniger die des Wissenschaftlers als vielmehr des aktiven Kämpfers gegen eine noch lebendige und als feindlich und gefährlich empfundene Macht war. Im Gegenteil: wir dürfen diesen ersten und leidenschaftlichen Kritikern dankbar sein; denn so sehr der Haß ihr Werturteil trübte, hat er sie doch oft scharfsichtig gemacht. Bestürzen aber muß der Mangel an genügender Sach- und Quellenkenntnis, aus dem heraus nur allzu oft diese Urteile gefällt wurden. Es scheint, als ob die Begründer der Wissenschaft vom Judentum zu angelegentlich mit der Pflege der ihnen sympathischeren Gebiete beschäftigt waren, als daß sie für eine zwar kritische, aber wahrhaft eindringende Versenkung in das mystische Schrifttum unseres Volkes noch Energie gehabt hätten. Es ist kein Ruhmestitel für die Wissenschaft vom Judentum, daß die Arbeiten der wenigen jüdischen Gelehrten von wirklicher Sachkenntnis auf diesem Gebiete ungedruckt, zum Teil selbst ungeschrieben geblieben sind, weil niemand Interesse dafür hatte, und daß fast die einzigen Äußerungen, die von tieferem Eindringen in den Geist dieser den Aufklärern verschlossenen Welt Zeugnis geben, von christlichen Gelehrten mystischer Geistesrichtung wie Franz Molitor oder Arthur Waite stammen, bei denen freilich die philosophische Intuition durch ihr völliges Versagen gegenüber allen historisch-philologischen Fragestellungen kompromittiert wird. So besitzen wir bis heute keine sachliche Darstellung oder Analyse der großen Systeme der späteren Kabbala, besonders aus ihrer Blütezeit in Safed im 16. Jahrhundert. Der wissenschaftlichen Bereitschaft, vor allem über die lurjanische Kabbala den Stab zu brechen, steht die traurige Wahrheit gegenüber, daß keiner ihrer Richter die Fähigkeit besaß, den Lehrinhalt dieses sehr dramatischen Systems in sachlich zulänglicher Form darzustellen, ja daß keiner auch nur die Verpflichtung dazu empfunden hat. So kann zwar jedermann erfahren, wie Isaak Lurja dem Judentum geschadet, niemand aber, was er wirklich gedacht hat. Die Kehrseite dieser feindseligen Interesselosigkeit der jüdischen Wissenschaft war, wie nur natürlich, daß, als ihre berufenen Torhüter das Gebiet vernachlässigten, Scharlatane und Hypothesenreiter hier ungestört ihr Wesen treiben durften. Diesen Auffassungen gegenüber zeichnen sich deutlich die Probleme ab, die sich einer neuen Haltung zur jüdischen Geschichte und einem besonnenen Durchdenken der Aufgaben jüdischer Wissenschaft noch immer oder gerade jetzt stellen. Fast alle wichtigen Fragestellungen sind uns ungelöst überkommen, wenn anders sie überhaupt als Aufgaben erkannt worden sind. Viel hängt für das Geschichtsbild mancher Perioden von der Art 29