Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Kabbala-Forschung und jüdische Geschichtsschreibung in der Universität Jerusalem
Date
1937-04-01
Page
28 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895568-2907075--09684-2907127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gerhard Scholem .jüdische Mystik eine Bewegung dar, die nun etwa 2000 Jahre hindurch in immer neuen Gestalten, mit immer neuen Fragen und Antworten das religiöse Anliegen ihrer Träger auszudrücken versucht hat. Es handelt sich hier keineswegs um eine ihrem Lehr-, ja auch nur ihrem Gefühlsgehalt nach durchaus einheitliche Bewegung. Allzu verschieden sind die Quellen und Antriebe gewesen, die das religiöse Interesse der Mystiker angeregt, ihre Phantasie und ihr Denken bewegt haben. Dennoch unternahmen diese es immer wieder, diese ganze Welt, soweit ihre Dokumente ihnen noch erreichbar und verständlich waren, als eine einheitliche harmonistisch zu interpretieren, wobei denn fast durchweg das Ganze dieser Welt im Lichte des jeweils letzten Stadiums der Entwicklung gesehen wurde. Die Fragen und Antworten des letzten Systems — und an Systemen und Systemfragmenten hat es der Kabbala nicht gefehlt! — wurden allzu leicht in alle früheren hineingelesen. Sollte doch diese Kabbala oder, wie ihr Name sagt, geheime „Überlieferung" nichts sein als die verlorene Urtradition der ersten Menschen über die göttlichen Dinge. Historischer Sinn und historische Kritik waren niemals die starke Seite der Mystiker. Auch in unseren Zeiten noch verwalten manche Gruppen von Kabbalisten in einigen Jeschiwot Jerusalems das geistige Erbe der Kabbala in unmittelbarem Anschluß an die Tradition und werden auch von den in der Galut verstreuten Kabbalisten als die berufenen Deuter ihrer Lehre angesehen. Aber für das Bewußtsein dieser letzten Träger der Kabbala ist weitaus das meiste von den historischen Gehalten dieser Bewegung erloschen. Die einzige Kabbala, die in einem gewissen Maße noch eigenes Leben zeigt, ist die des R. Schalom Schar'abi aus dem 18. Jahrhundert, der die alte Lehre der Kabbalisten von der Praxis des mystischen Gebetes, des Gebetes aus der Versenkung und Ausrichtung in die Geheimnisse der Gottheit, aufs Minutiöseste ausgearbeitet und auf die Spitze getrieben hat. Diese Gebetsmystik hat noch heute Anhänger, die sie nach jahrelangem Studium und vielen Vorbereitungen praktizieren. Alle anderen Gebiete der Kabbala sind, soweit sie nicht der theoretischen Begründung dieser Meditationsmystik dienen, für sie undurchsichtig und obsolet geworden, und wenn sie einen alten Text überhaupt noch lesen, so nur, um darin die Geheimnisse ihres eigenen Systems wiederzufinden. Anders als der Kabbaiist steht der aufklärerische Kritiker da, dessen Urteil über die Entwicklung der jüdischen Mystik und über ihre Bedeutung für die jüdische Geschichte die allgemein verbreiteten Vorstellungen bestimmt hat. Es bedarf keiner näheren Darlegung, um die Gründe verständlich zu machen, die die Forscher dieses Typs zu ihrer negativen Wertung der Kabbala trieb. 28

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.