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Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Kabbala-Forschung und jüdische Geschichtsschreibung in der Universität Jerusalem
Date
1937-04-01
Page
27 (sequence 2)
Language
German
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Kabbala-Forschung und jüdische Geschichtsschreibung — ... deutung mehr beanspruchen, die aus ihrer eigenen Erfahrung und. Einsicht heraus die Akzente dessen, was als für den Geschichtsaufbau konstitutiv zu bezeichnen ist, völlig anders zu setzen sich genötigt sieht. So kommt es denn, daß weite Gebiete der jüdischen Geschichte, Literatur und Lebensgestaltung, die vorher als unergiebig oder geradezu widerhaarig beiseite geschoben und mit einem negativen Vorzeichen versehen wurden, nunmehr ein neues, ja mitunter geradezu leidenschaftliches Interesse erregen. Unter den Gebieten historischer und religionshistorischer Forschung, die von solcher Neuorientierung der jüdischen Geschichtsforschung am stärksten betroffen werden, ist, neben dem neuen Verständnis der mittelalterlichen Dichtung, der Volksliteratur und der volkstümlichen Lebensformen, an einer der ersten Stellen die jüdische Mystik oder Kabbala zu nennen. Hier steht die Universität vor einer ganz neuen Aufgabe, die bisher noch an keinem anderen Orte auch nur einen ernsthaften Versuch zu ihrer Lösung erfahren hat. Hier hat die Universität gleichsam von vorn anzufangen und kann sich die Vorteile davon zunutze machen. Es handelt sich darum, den wahren Ort zu erkennen, die wahre Bedeutung zu umschreiben, die die religiöse Bewegung, die wir als Kabbala bezeichnen, für unser Volk und dessen Geschichte gehabt hat. Die Schwierigkeiten dieser Aufgabe sind keineswegs gering;" rührt sie doch, ganz abgesehen von den Fragen der Quellenkunde und des zur Verfügung stehenden Materials, an weithin noch wirksame Stimmungen und Affekte, die einer vorurteilslosen Betrachtung dieses Gebietes keineswegs zustatten kommen. Zwischen Ablehnung und Feindseligkeit, die aus verschiedenartigen Quellen sich nähren konnten, zwischen Verherrlichung und Apologie der Kabbala, die beide sich nur allzu oft durch beklemmende und niederdrückende Unkenntnis des Gegenstandes auszeichnen, hat die neue Forschung ihren Weg zu suchen. Sind es doch im Grunde nur zwei Haltungen, die bisher zum Phänomen der Kabbala überhaupt mit Ernst und Leidenschaft eingenommen worden sind: die des Kabbalisten und die des aufklärerischen Kritikers. Der Kabbaiist selbst lebt in dieser Welt der jüdischen Mystik. Er reiht sich bewußt und freudig in die lange Kette der mystischen Überlieferung ein und sieht sie von innen her. Damit gewinnt er unmittelbaren Anschluß an das, was in dieser Generation von dem geistigen Gut dieser Bewegung etwa lebendig geblieben ist. Aber er verzichtet und muß wohl verzichten auf viele Fragestellungen, die der Wissenschaftler nicht aufgeben kann, ohne sich selbst aufzugeben. Er lebt in der Kabbala — aber auch das nur in einem sehr bedingten Maße. Stellt doch die 27

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