Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Gottesdienstgestaltung in Erez Israel
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 21 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gottesdienstgestaltung in Erez Israel immer mehr diese immanente Logik begreifen werden. Ich könnte noch viele andere Beispiele anführen, in denen die alten Reformer verhältnismäßig konsequent waren (durchaus nicht restlos), und wo wir fühlen und auch aus unserer veränderten theologischen Ansicht belegen können, daß sie falsch gehandelt haben. Sollen wir alle Stellen, die von der leiblichen Auferstehung handeln, einfach weglassen? Sollen wir den „Erlöser" durch die „Erlösung" ersetzen? Sollen wir von der Auserwähltheit des Volkes Israel schweigen? — All diese Vorstellungen entsprechen nicht dem Wahrheitsbegriff des Alltags, dem Handgreiflichen, unmittelbar Faßbaren. Aber wir empfinden, daß ihnen eine überindividuelle Wahrheit zukommt. Und selbst da, wo wir sie nicht anerkennen können, nehmen wir sie ehrfürchtig zur Kenntnis. Wir müßten, wenn wir das, was ich den individuellen Wahrheitsbegriff nennen möchte, an das Gebetbuch anlegen, konsequenterweise dasselbe Kriterium an die Tora und an die Bibel anlegen. Wollen wir etwa bei der Toravorlesung die Stellen vom Opfer weglassen? Und fängt man beim Opfer an, wo soll man enden? Legt man solchen Maßstab einer solchen ratio an, dann gehört die Toravorlesung nicht in unsern Gottesdienst, zum mindesten nicht als kultischer, durch Segenssprüche geweihter Akt. Aber wohl uns, daß die liberale Generation vor uns inkonsequent war und daß wir selber es sind. Darin lag und liegt eine innere Folgerichtigkeit, die uns vor dem Verlust unwiederbringlicher Gefühlswerte bewahrt. Neben diesem hauptsächlichen Grunde, daß das Gebet Ausdruck des Fühlens und Sehnens der Knesset Jisrael ist und nicht dieser oder jener Einzelperson, gibt es noch eine Reihe anderer Motive, mehr oder minder mit dem Hauptmotiv verbunden, die gegen Weglassungen, Änderungen und dergleichen sprechen. Da ist das Gefühl für den Stil des Gebetes und des Gottesdienstes, der den Gebetsreformern gemangelt hat. Woher nehmen wir das Recht, ein Gebet, das von Anfang an eine Einheit wrar oder im Laufe der Zeit zu einer Einheit geworden ist, zu ändern, zu kürzen, zu bearbeiten? Da ist es besser und angemessener, etwas grundsätzlich Neues und Anderes zu schaffen. Ein Gottesdienst hat nicht nur eine bestimmte Gestalt, sondern er i s t eine Gestalt, Ausdruck einer bestimmten seelischen Struktur; hier dürfen nicht willkürlich andere Ausdrucksformen hereingemengt werden, die in einem andern Zusammenhang und losgelöst davon ihr bestimmtes Recht haben. Die Frage der Orgel steht und stand in Palästina nie zur Diskussion. Aber schon allein das Gefühl für den Stilcharakter des jüdischen Gottesdienstes würde gegen die Einführung eines so stilfremden Elementes sprechen. 21