Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Gottesdienstgestaltung in Erez Israel
Date
1937-04-01
Page
20 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895568-2907074--09674-2907119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gottesdienstgestaltung in Erez Israel dere Beachtung verdient. Aber, indem ich Ihren und unseren Standpunkt immer wieder erwogen habe, bin ich doch zu dem Ergebnis gekommen, daß wir, auch von unserem undogmatischen Standpunkt aus, kein Recht haben, bestimmte Texte des Gebetbuchs zu ändern oder zu kürzen. Das Wort von der „Wahrheit des Gebetes" führt hier irre. Denn daß ein Gebet wahr sein soll, daran kann kein Mensch zweifeln und darüber läßt sich überhaupt nicht diskutieren. Die Frage ist nur, warum wir hier — die wir doch in ausschlaggebenden Punkten auf derselben geistigen Grundlage stehen wie Sie — über die Wahrheit bestimmter Gebete anders denken, als Sie es tun. Es sind keine äußerlichen Gründe, die uns zur Übernahme des alten Gebetbuches veranlaßt haben. Bereits in Deutschland hat eine große Gruppe liberaler Rabbiner sich bemüht, an Stelle der abgeänderten Gebetbücher das alte ursprüngliche wieder einzuführen. Welches sind die Gründe dort, und welches sind sie hier? Ich führe gleich den ausschlaggebenden an. Was in den Synagogen betet, ist nicht nur eine zufällige Anzahl von Menschen, ein jeweils durch Ort und Zeit bestimmter Personenkreis, sondern es ist die unsichtbare Gemeinde Israels, die in jedem Minjan symbolisiert wird. Diese Knesset Jisrael, Lebende und Tote und Ungeborene, steht vor Gott und schüttet ihr Herz aus. Der einzelne Beter nimmt an diesem Gesamtgebet teil, versenkt sich in das Fühlen und das Denken dieser Gesamtheit, entkleidet sich seiner zeitgebundenen Individualität und wird ein Glied der unsichtbaren Geschlechterfolge. Ich will damit keine gekünstelten Konstruktionen machen, sondern ich versuche nur in Worten auszudrücken, was wir, die wir den überlieferten Gottesdienst lieben, wirklich empfinden. Der eine fühlt das deutlicher, der andere weniger deutlich. Aber man kann nicht an dem zunächst höchst merkwürdigen Umstand vorübergehen, daß Menschen, die dem Gottesdienst im allgemeinen fernstehen, wenn sie den Gottesdienst besuchen, den Wunsch nach der traditionellen Form und nach dem alten Gebetbuch haben. Hier müssen doch Kräfte in der Seele des Menschen lebendig sein, für die das Wort 'Pietät* nur eine sehr unbestimmte und unvollkommene Deutung ist. Ich brauche nur darauf hinzuweisen, daß zum Beispiel der Ersatz der Kol-Nidre-Formel durch den Psalm 130 oder durch ein ihm ähnliches Gebet zwar höchst „verständig" und „wahrheitsgemäß" erscheint, daß er aber trotzdem dem Empfinden des Juden unserer Zeit widerspricht. Es ist ganz sicherlich so, daß die Logik des jeweiligen Denkens noch lange nicht die Logik erreicht, die im Gefühl ruht. Ich rede hier nicht von einem übervernünftigen Irrationalen, sondern bin der Meinung, daß wir mit der Verfeinerung und Vertiefung unserer Kenntnisse von der menschlichen Seele und dem Sinn religiöser Überlieferungen 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.