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Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Die unruhigen Tage ...
Date
1937-04-01
Page
17 (sequence 6)
Language
German
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Die unruhigen Tage. Bruder und zwinge Sie zu einer unbezweifelbaren Gegenwart. Heute nacht sind Sie im Zeichen des Selbstbetrugs mein Kumpan, und auf welcher Brücke Sie auch stehen, auf welchem elenden Lager Sie auch schlafen mögen, hier an meiner Seite gibt es weder Flucht noch Abkehr für Sie. Alter, wie gefällt Ihnen das? Vorwärts, wir wollen trinken, denn wir müssen endlich einmal nüchtern werden, sehen Sie das ein? Schließlich, über kurz oder lang, muß ich doch in aller Herrgottsfrühe mit dem Schnellzug nach Hause fahren, oder glauben Sie vielleicht, ich habe kein Zuhause, nur weil ich ein Jude bin? Wo bin ich geboren, in Asien oder in der Pregelstadt? Glauben Sie nur ja nicht, daß ich stärker bin als meine Sehnsucht. Sehen Sie, nun bin ich also nüchtern geworden, endlich kann ich sagen, was ich sagen mußte: Gegen mein Zuhause ist mir die ganze Welt mit ihrer ganzen Schönheit ein Dreck! Nein, mein Blut, das will ich niemals verleugnen, aber die Brücke in den Schattenspuk hinüber, jenen hochgespannten Regenbogen über tausenden von totgestürzten Jahren, jenen Märchensteig aus leise verblassenden Farben und dem Widerschein der vergessenen Wirklichkeit, alles das will ich verleugnen. Nachbar, ich widerrufe, hören Sie? Ich widerrufe! Bin ich denn ein Krebs, daß ich rückwärts gehen sollte? Warum wurden diese Frühlingstage, die zu täuschen, nicht zu wecken wissen, so voll überspannter Unrast für mich? Weil das Heimweh in mir ungebärdig aufschrie? Nachbar, dieser Tage bin ich Jahr um Jahr vom Heimweh besessen, aber wer auch sollte mir das Recht auf dieses eingeborene Heimweh absprechen? Ahnen Sie nun, weshalb ich schwatzen und saufen muß? Weil ich einen tiefen Anspruch in mir fühle, das zu lieben, was ich immer liebte: meine Heimat! Und es gibt kein Wort von Menschen, keine Lockung aus Ländern und aus Städten jenseits dieser Heimat, keinen Gott, der prüfend zum Verzicht verfuhren will, keine falschen Propheten, die wie Krebse rückwärts taumeln und die reine Heimwehsehnsucht zu verwirren suchen, und kein Schicksal, sei es noch so sehr mit Unbegreiflichkeit und Macht gepanzert, die mich hindern könnten. Gilt der Anspruch nicht rechtens, nun, so gilt er doch vor meiner Herzenslust. Nachbar, ich bekenne mich zu meinem Blut mit all seinen unerforschlichen Kräften; aber ich bekenne mich nimmermehr zur Heimatlosigkeit. Erst, wenn die Erde im Samland meine Toten erbricht und die Straßensteine in meiner Stadt unter jedem meiner Schritte vor Haß zu brennen beginnen, dann erst singe ich der Sehnsucht die Totenklage. Da, ich selber will mir die Versuchung errichten, — kennen Sie den Schweizer Frühling? Sehen Sie, ich ziehe einen Kranz von Bergen, schneegekrönt und schartig, um einen wassergrünen See. Wandern Sie getrost mit mir ein Stück am Ufer entlang, 17

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