Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Die unruhigen Tage ...
Date
1937-04-01
Page
14 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895568-2907072--09664-2907113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mala Laaser auch die Stadt mit den vielen Schloten und dem Schleier von Rauch und Dunst darüber her hat ihre Reize. Möglich, daß vor Ihren Augen die Ferne und die weite Zartheit des Hügellandes nicht bestehen können, — ich für mein Teil beneide die Sonne um ihr riesiges Auge und um die ungezählten Strahlen, mit denen sie das alles auf einmal umfassen kann. Atmen Sie einmal ganz tief in die Luft hinein! Sehen Sie, so schmeckt der Frühling selber, weich und süß und luftig! Ach, wie blicken Sie mich töricht an! Ach, verstehen Sie mich doch! Ist das so schwer? Meinen Traum hat Gott mir genommen, und nun gibt er mir dagegen eine ganze Welt! Helfen Sie mir nun, helfen Sie doch: ich möchte nichts, als mich ganz an die Schönheit überall verlieren, und das kann ich nur, wenn Sie ein paar Stunden mit mir gehen, mit mir schauen, — wenn Sie mein Freund sind, eines Fremden Freund, nur für diese eine Nacht, nur für diese sprunghafte Reise. Trinken Sie aus, wir müssen weiter. Aber sehen Sie noch einmal flußabwärts, dort, nach dem Felsen mit der grauen Burg darauf; früher ging dort eine Fähre über Wasser zum Schreckenstein. Heute hängt dafür die rote Brücke über den Ufern. Haben Sie Lust, auf einer Wolke zur Burg emporzureiten? Ja, auf einer Wolke, warum nicht? Alles steht mir heute zu Diensten, sicherlich, Sie dürfen nicht zweifeln. Wissen Sie nicht mehr, woher ich stamme? Haben Sie nie gehört von den Zauberkräften der asiatischen Völker? Ich bin Jude, und ich komme vom Morgenland her: glauben Sie mir nun? Schließen Sie die Augen, langsam, langsam! Daß die Wolke nicht bricht. Fühlen Sie den Schwung und die seltsam schwebende Erhebung? Hui, ein luftiger Weg über Berge bis zur dunklen Stadt! Nein, wir bleiben nicht lange in Prag, nein, wir ziehen weiter südwärts, zur Donau, zu den hellen Städten, zu den Bergen voll ewigem Schnee. Trinken Sie, trinken Sie, hier in Prag ists auch im Frühling kalt. Laufen Sie mir nicht davon, hier meine Hand, damit Sie sich nicht fürchten, alter Mann! Oh, ich kenne diese Gassen in der Altstadt, diese drückenden, engen Gänge. Einmal, ich weiß nicht, wann es war, lief mir mein toter Ossip — Ossip, ein Hund, Ossip, ein Freund, ein kleiner, gestorbener Bruder — voran, durch die winkligen Straßen im Ghetto-Prag, und der steinerne Golem war von seinem Sockel gestiegen und schreckte mich an der Moldau und im Hofe des Hradschin. Rabbi Lo«b, der Alte selber, kam und zeigte mir sein Grab und den alten Tempel. Damals schwor ich, niemals wieder diese Totenstadt zu betreten, aber für diese Nacht scheint mir das Grauen sogar von tiefster Lockung zu sein. Alles, was ich einmal sah im Leben, schreit zu meiner Reiselust herüber, und die Sehnsucht, mich im Weiten zu verlieren, weitet jedes Ziel. Darum trinken Sie und wärmen Sie Ihr Herz, nur damit die Schauer aus den Ghetto- 14

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.