Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Die unruhigen Tage ...
Date
1937-04-01
Page
13 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895568-2907072--09663-2907112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mala Laaser: Die unruhigen Tage. bedeutet die Herkunft meiner Väter. Eine riesenweite Brücke führt von mir nach Asien hinüber. Unter dieser Brücke stürzen die Jahrtausende als Wasserfall in die Tiefe, und mit im Strome rauschen Vergangenheiten eines alten Volkes, Bodenständigkeit, Exile und die Zeiten der Austreibung. Über wenig hundert Jahre waren meine Leute hierzulande Gast. Sie wissen aber, wie das tut, wenn man lange zu Gast in einem Lande lebt? Kommt da nicht der Tag, wo man meint, daheim zu sein? Und so war es immer: am Tag, da dem Gast die Fremde zur Heimat werden will, zwingt ihn das Schicksal zu sich selbst zurück. Man hat geträumt, und man wurde geweckt. Wieder sah man die alte Brücke, und man wendet sich zurück zu ihr, rechnet weise auf ihre Größe, ihre Haltbarkeit und weiß, daß dort, übern Strom, die Heimkehr beginnt Aber wie sind wir Menschen doch geartet! Ich bin Jude, sage ich Ihnen, und das heißt: ich bin in Asien zuhause. Dennoch packt mich dieser Tage wieder dieser Hunger, diese schwere, verzweifelte Sehnsucht nach dem flachen Land, in welchem ich zur Welt kam, nach dem lichtkühlen Blau über Wiesen, Äckern und Roggenfeldern. Gräben, ach, so bunt gefüllt mit kleinen Blumen, Hahnenfuß, Vergißmeinnicht und Klee. Und die Wege, gezeichnet von der Spur der Karren und der satten Rinder! Diese Wege, die der Regen wusch und die Sonne wieder trocken dörrte. Und die Weidenbäume mit den plumpen Köpfen, die des Nachts vor Fäule zu glimmen beginnen. Die Scheunen und Gehöfte, ganz verloren in die liebe Einsamkeit der Ebene. Das Vieh und das Gestüt in ihren Gärten und ein stiller Bach in der Dämmerung, der nicht singt und nicht plaudert, ein Bach, der ruhig geht wie ohne Stimme, ohne Auf und Ab. Frühsommer, Kuckucksqual und süßer Qualm des frischgeschlagnen Grases. Nun frage ich mein Herz, das sich den Träumen bitterlich verschrieben hat, wohin es möchte, und es gibt eine rasche Antwort: Bring mich jetzt auf die hohe Düne, mitten in den wilden Frost hinein. Aber da schreit das Blut und schreit: Vergiß deine See und die bröckelnden Dünenhänge, — deine Träume gelten nimmermehr. Und ich reiße meine Sehnsucht zurück, lehre sie Verlorenes zu meiden und, ihrer selbst bewußt, die Schönheit einer freien Welt zu überfliegen» Warum ziehen Sie denn die Jacke nicht aus? Mann, es ist doch Frühling! Drüben, im Böhmerwald, sind ja die Anemonen schon da. Schauen Sie nur hügelabwärts, alle Hänge sind schon grün, drunten der Fluß, das ist die Elbe. Köstlich, wie gar hinten die runden Berge ins Blaue buckeln, und die große Brücke, he, dieses rostrote, bogige Ding? Sie sind doch nicht blind vor dieser Lieblichkeit zu unsern Füßen, aber gut, ich will Sie nicht beschwatzen, auch die Stadt in den Senken, auf den kleinen Höhen, 13

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.