Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Die unruhigen Tage ...
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Mala Laaser: Die unruhigen Tage. Wenn der Frost die Stadt zum erstenmal verläßt und die Stare über den verschmelzenden Schmutzschnee hüpfen, dann beginnen jene Tage für mich, während welchen ich in Bahnhofshallen hinter den davonrollenden Zügen stehe und die Ausfahrt mit hilflosem Grimm und einer mir wohlbekannten Unruhe verfolge. Nennt sie nicht Neid, und nennt sie auch nicht Sehnsucht, diese Unruhe — vielleicht ist sie gar nichts anderes als die frühlingsahnende Erregbarkeit des Tieres, als die jüngste Gärung aller Säfte unter der sonnenseligen Lüge des gelähmten Winters. In diesen Tagen saugt der Atemzug der Fernen meine Gedanken auf und stößt sie in mich selbst zurück, duftender und gierig, von neuem mitzugleiten in jenem Strom der Anziehung. Eine ungeheure Spannung besteht zwischen mir und der ganzen Welt. Menschen beginnen vor mir auszuweichen, in eben dem Maße als ich trachte, mich ihnen zu nähern; Hunde wedeln mit den Schwänzen, während sie mich ankläffen; Bücher, die ich zur Hand nehme, weisen dieser Tage leere Seiten auf — köstliche Felder für meine unlenkbare Weitschweifigkeit —, und ich brauche keinen Schlaf mehr in den Nächten. Tabak wird mein bester Freund, und ich habe, um mich nüchterner zu machen, den Branntwein zu meinem Leibarzt erkoren. Jeder Kneipengänger ist bedingungslos mein Partner, wenn er nur zu schweigen und zu lauschen versteht. „Mein Herr", sage ich zum ersten, der mir genehm erscheint, „trinken Sie sich diese Nacht auf meine Kosten einen Rausch an, aber dulden Sie dagegen, daß ich Sie ein wenig unterhalte". Und dann rede ich und rede und rede, bis die Spannung sich löst und der Frost den falschen Frühling aus der Stadt treibt, dorthin, wo der wahre Lenz mit seiner Veilchenflöte frierend seine Zeit erwartet. An meinem Tisch sitzt heuer ein alter Mann, ein Invalide mit dünn-weißem Haar und triefenden Augen. Ich kenne ihn gut, er steht bei jedem Wetter an der hohen Brücke und bietet mit zitternden Händen seine Zündholzschachteln an. „Trinken Sie!", befehle ich ihm, und er lächelt milde, ohne tieferes Verständnis, als sei es für ihn ein ganz alltägliches Ereignis, daß man ihm für nichts als sein Dabeisein Freitrunk gewährt. „Ich denke da natürlich zuerst ans Samland, nicht wahr, Sie werden das verstehen! Ich bin dort geboren, und es ist kein Zufall, wo ein Mensch geboren wird. Ich bin ganz hilflos, ja, ich suche geradezu nach Worten, die genau das auszudrücken imstande sind, was ich in diesen Tagen sagen muß: ich bin Jude, damit fängt es einmal an. Wissen Sie genau, was das nun zu bedeuten hat? Ich bin Jude. Das bedeutet mein anderes Blut, das 12