Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Entwicklungslinien des Nationalismus
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 10 (sequence 6)
- Language
- German
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Kurt Stillschweig Seine politische Ausrichtung hatte nach dem Landesherrn und nur nach diesem hin zu erfolgen. Daß jenseits der Staatsgrenzen Menschen der gleichen Sprache und Abstammung wohnten, hatte dem Untertan gleichgültig zu sein. Nichts hatte ihn politisch mit diesen Menschen zu verbinden. Die politische Einheit wurde allein durch den absoluten Staat gebildet. Ebensowenig wie in dem weltoffenen kirchlichen Universalreich war also in den begrenzten absoluten Monarchien für den nationalen Gedanken Raum. Trotzdem liegt der Mikrokosmus des absoluten Staates dem nationalen Gedanken näher als der Makrokosmus des kanonischen Gesamtreiches. Denn eine in erster Linie auf das Diesseits eingestellte Haltung mußte notwendigerweise über kurz oder lang zur Entdeckung der nationalen Volkspersönlichkeiten führen. Voraussetzung hierfür war freilich, daß die Untertanen selbst als Einzelne die rechtliche und politische Anerkennung ihrer eigenen individuellen Freiheiten errangen. Vor der Entstehung des nationalen Gedankens liegt somit der Kampf um die Einführung des Rechtsstaates. Die Untertanen haben diesen Kampf geführt. Die Waffe lieferte ihnen das Naturrecht und die Lehre Montesquieus von der Dreiteilung der Staatsgewalt. Die hieraus entspringenden Gedanken erhielten in Amerika ihren ersten gesetzlichen Niederschlag. Im Jahre 1776 verkündete die Verfassung von Virginien eine Reihe von „Grundrechten": für den Einzelnen sollte eine Sphäre geschaffen werden, innerhalb deren er vor staatlichen Eingriffen gesichert war. Bald wurden die neuen Ideen auf den Kontinent getragen. Hier fanden sie 1789 durch die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte Eingang in die europäischen Gesetzgebungen. Die französische Revolution war jedoch keine bewußt nationale Bewegung. Sie brauchte es auch nicht zu sein, da die französische Nation 1789 bereits staatlich zusammengefaßt war. Aber bei den Völkern, deren nationale Einigung noch ausstand, sollten die Ideen, auf denen die Revolution ruhte, zu einem gewaltigen nationalen Impuls werden. Namentlich auf das Nationalbewußtsein des politisch zerrissenen deutschen Volkes haben die französischen Lehren entscheidend gewirkt. Der gedankliche Weg von den Menschen- und Bürgerrechten zur Nationalität ist dieser: Sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich und alle Standesunterschiede beseitigt, so besteht zwischen den Menschen eine Gemeinschaft. Zunächst freilich erschien diese Gemeinschaft, deren Gedanke auch innerhalb der Juden mächtig gewirkt hat, als anationale oder übernationale „Mensch- 10