Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Entwicklungslinien des Nationalismus
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 11 (sequence 7)
- Language
- German
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Entwicklungslinien des Nationalismus heit". Hinter dieser Abstraktion trat die Nationalität teilweise stark zurück. Häufig wurde der nationale Gedanke sogar zugunsten der kosmopolitischen Idee bekämpft. So schrieb etwa Grillparzer: „Der Weg der neuen Bildung geht von Humanität durch Nationalität zur Bestialität." Aber bald beginnen sich die Begriffe Menschheit und Nationalität zu verbinden. Man erkannte, daß die abstrakte „Menschheit" aus konkreten Völkern besteht. So tritt allmählich der nationale Gedanke — teilweise als Reaktion gegen Napoleons Imperialismus — bei den Denkern der Zeit in den Vordergrund. Schiller ersehnt die politische Einigung der Nation, hält sie aber für ein unerreichbares Ideal. „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens", ruft er resigniert aus. Ähnlich Lessing, der ein Nationaltheater ablehnt, „da wir Deutschen noch keine Nation sind". Aber der Wunsch zum nationalen Zusammenschluß wird stärker. Schon Herder betrachtet die Nation als natürliche Gegebenheit; ihm ist das Volk „sowohl eine Pflanze der Natur als eine Familie". In seinen „Stimmen der Völker" führt er die literarischen Erzeugnisse der verschiedensten Nationen vor. Seine spätere Wirkung auf die Slawen ist so mächtig, daß man ihn geradezu als „Apostel des Slawentums" bezeichnet hat. Den stärksten Ausdruck findet das Nationalgefühl bei Fichte, der in seinen „Reden an die deutsche Nation" für „Deutsche schlechtweg" spricht, „durchaus beiseitesetzend und wegwerfend all die trennenden Unterscheidungen, welche unselige Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben". Damit ist der nationale Gedanke ins Bewußtsein gerückt. * Der Gedanke bedurfte einer rechtlichen und politischen Fundierung. Das Mittel hierzu lieferte eine Lehre, die die französische Revolution der absolutistischen Staatsauffassung entgegengesetzt hatte: die Lehre von der Volkssouveränität. Statt des Satzes: „L'etat c'est moi" galt nun die Formel: „das Volk ist souverän". Damit sollte zunächst nur der innerpolitische und staatsrechtliche Gedanke ausgesprochen werden, daß der Monarch seine Gewalt vom Volke ableitet. Aber hiermit war die Formel von der Volkssouveränität nicht erschöpft. Sie besaß umfassenderen Gehalt. Denn außenpolitisch folgt aus ihr, daß jedes Volk das Recht der Selbstbestimmung und damit die Befugnis besitzt, sich als selbständigen Staat zu konstituieren. So gipfelt die Volkssouveränität in dem Satz: „Jede Nation ein Staat." Dieses Prinzip, Nationalitätenprinzip genannt, führte im 19. Jahrhundert zu einer Fülle nationaler Bewegungen und hat den weiteren Lauf der Entwicklung bis in die jüngste Zeit entscheidend bestimmt. (Wird fortgesetzt) //