Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Entwicklungslinien des Nationalismus
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 8 (sequence 4)
- Language
- German
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Kurt Stillschweig weder keine politische Bedeutung zu oder sie sind von religiösen; Motiven überwuchert. Ihren primitivsten Ausdruck fanden die nationalen Gefühle des Mittelalters im Fremdenhaß. Überall, wo hohe geistliche oder weltliche Herren fremder Nationalität herrschten, machte sich unter der einheimischen Bevölkerung ein Haßempfinden bemerkbar. Aber dieses Gefühl blieb eine negative Reaktion, eine Abkehr von den Fremden. Es war nicht fähig, sich positiv zu einem politischen Bewußtsein der eigenen Nationalität zu entwickeln. Vereinzelte Spuren eines solchen positiven nationalen Empfindens sind allerdings an den Universitäten nachweisbar. Hier zerfielen die Scholaren in Gruppen von Landsmannschaften, unter denen übrigens die Juden manchmal eine gewisse Sonderstellung einnahmen (z. B. in Padua). Obwohl die einzelnen Gruppen nach Prinzipien gebildet waren, die kaum dem modernen Nationsbegriff entsprechen — z. B. gehörten zur englischen Gruppe Slawen und Ungarn —, fanden innerhalb der Studenten Kämpfe statt, die man nicht anders als nationale Gegensätze bezeichnen kann. Allein diese Kämpfe waren studentische Streitigkeiten, denen irgendein politischer Wert nicht beizumessen ist. Die einzige starke politische Bewegung des Mittelalters, die auf einer nationalen Grundlage ruht, sind die Hussitenkriege gewesen. Hussitentum und Tschechentum wurden zu identischen Begriffen, mit denen man einen Gegensatz zum Deutschtum ausdrückte. Aber die Hussitenkämpfe wurden weitgehend durch religiöse Motive bestimmt. Ja, teilweise war die religiöse Note so stark, daß sie die nationale überwog. So heißt es zwar in einer tschechischen „Schmährede der böhmischen Krone" durchaus national, daß die Deutschen die Feinde der Tschechen seien. Aber hierbei bleibt der Verfasser der Schmährede nicht stehen. Der nationale Gegensatz erscheint ihm sekundär; deshalb fährt er fort: „Doch diejenigen (Deutschen), welche rechtschaffen sind und in Gottes Gebot beharrlich, diese liebet, als ob sie eure Brüder wären." Durch die Religion kann also der nationale Gegensatz geradezu beseitigt werden. Ähnliche Gedanken klingen bei Behandlung der Juden an, deren Rechtsposition durch zwei Momente bestimmt war: einmal durch den Gedanken, daß die Juden Kreuziger Christi und Anhänger eines Aberglaubens („superstitio") seien; dann durch den Satz, daß die Juden als Fremde dem Fremdenrecht unterliegen. Das Eigenartige und für die damalige Auffassung Charakteristische ist nun, cjaß die fremde jüdische Nationalität durch Taufe aufgehoben werden kann — eine Anschauung, die die rumänische Judengesetzgebung sich Jahrhunderte später zu eigen gemacht hat. 8