Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Entwicklungslinien des Nationalismus
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Entwicklungslinien des Nationalismus spräche als „lingua illustris". Aber im Kern ist auch Dante Universalist. Nur ist sein Kosmopolitismus weltlich abgestimmt; die vom Papst unabhängige kaiserliche Universalmonarchie ist das Dantesche Ideal. „Mir ist die Welt das Vaterland wie den Fischen das Meer", so schreibt er. Ein ähnlicher nationaler Indifferentismus begegnet unsinnerhalb der weltlichen Staatsorganismen. Ist doch im Mittelalter die Struktur des weltlichen Staates weitgehend von der Kirche beeinflußt, ja nach der kanonischen Auffassung sogar von dem Papst abhängig. Zu höchstem Ausdruck kommt diese Auffassung 1302 in der Bulle Unam Sanctam. Hier werden geistliche und weltliche Gewalt durch zwei Schwerter symbolisiert, die Gott dem Papst verliehen hat. Das weltliche Schwert hat der Papst weitergegeben und dem Kaiser zu Lehen überlassen. Rechtlich sind danach der Kaiser und die weltlichen Fürsten Vasalien des Papstes; ihre Gewalt ist von der der Kirche abgeleitet. Bei einer derart inneren Abhängigkeit des Staatsrechts von den Elementen des antinationalen Kirchenrechts konnte von vornherein in den weltlichen Territorien für nationale Strömungen kein Raum bleiben. Aber auch die Ausgestaltung der Territorien selbst hinderte jede Regung nationaler Gedanken. Aufgrund einer langen, unter Karl Martell einsetzenden Entwicklungsreihe war nämlich die weltliche Gewalt weitgehend dezentralisiert. Zwischen die Untertanen und die Staatsspitze schob sich eine Schicht von Lehnsherren, denen ein Komplex obrigkeitlicher Rechte delegiert war. Die Folge war, daß ethnisch einheitliche Gruppen ohne Rücksicht auf Sprache oder Abstammung in eine Fülle kleiner und kleinster Splitter zerrissen wurden. Jeder dieser Teile unterstand einer anderen Verwaltungshoheit. „Oft gehörte ein Teil des Dorfes dem einen, andere Teile anderen Herren." Die Herren selbst befehdeten sich untereinander; mithin kämpften die Gefolgsleute des einen Herrn gegen die des andern. Auf diese Weise mußten Menschen gleichen Stammes und gleicher Sprache sich als Feinde fühlen. Ein einheitliches nationales Empfinden konnte jedenfalls in den politisch zerrissenen Untertanen nicht erwachen. Schlössen sich größere Gruppen zu gemeinschaftlichen Aktionen zusammen, so war es in der Regel die Religion, die sie band, nicht aber der Gedanke der Nationalität. Ein Beispiel bilden die Kreuzzüge. Hier vereinigten sich die Kämpfer über ethnische und nationale Grenzen hinweg unter dem Zeichen des Kreuzes oder des Halbmondes. Religion kämpfte gegen Religion; für nationale Unterschiede bestand kein politisches Gefühl. Trotz dieses antinationalen Grundzuges kannte auch das Mittelalter Antagonismen, die man heute als nationale Gegensätze bezeichnen würde. Aber es handelt sich hierbei um vereinzelte Erscheinungen; außerdem kommt diesen Kämpfen ent- 7