Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Entwicklungslinien des Nationalismus
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Kurt Stillschweig ausgesetzt, auf seine Nation stolz zu sein und damit gegenüber andern hochmütig zu werden. Mit diesem Gedanken kreuzte sich ein anderer: die Genesis berichtet beim Turmbau zu Babel von einer Sprachverwirrung, die über die Menschen als göttliche Strafe für ihren Hochmut verhängt worden ist. Hiernach ist also die Menschheit einer Sünde zufolge in verschiedene ethnische Gruppen gespalten worden. Damit ist über das Bestehen der Nationen ein Unwerturteil gefällt, das sich die mittelalterliche Kirche zu eigen gemacht hat. Schließlich wurde die antinationale Haltung der Kirche noch dadurch bestimmt, daß die Dogmatik das Erdendasein als Strafe wertete, alle Menschen als vor Gott gleich achtete und Liebe aller gegeneinander, auch gegen den Feind, predigte. Auf diesen gedanklichen Grundlagen ruhte der politische und organisatorische Oberbau der mittelalterlichen Kirche. Er war entsprechend der dogmatischen Basis ebenfalls antinational und universalistisch ausgestaltet. Seine Krönung bildete die Idee von einem die ganze Menschheit umspannenden kirchlichen Gesamtstaat, dessen oberstes Haupt der Papst ist. Für einzelne Völker als politische Gebilde war in diesem Gedankengebäude kein Raum. „Wen das Vaterland fesselt", so schreibt im 13. Jahrhundert ein Kleriker, „der ist noch schwach; stark ist der, dem jedes Land Vaterland ist; vollkommen der, dem die ganze Welt ein Verbannungsort wird". Die verwaltungsmäßige Durchführung des universalistischen Prinzips wurde durch den Gebrauch des Lateinischen wesentlich erleichtert. Latein war die Sprache der Behörden; Latein sprach der Klerus und damit die Wissenschaft. In Frankreich, Deutschland, Spanien oder Italien, vor den Gerichts- und Verwaltungsstellen, in Orden und Congregationen, überall galt die gleiche Amtssprache, das Lateinische. Da ferner die Erziehung überall in der Hand der Geistlichkeit lag, wurde das Lateinische auch zur Unterrichtssprache. Mochte der Klosterschüler in St. Gallen, Cluny oder Assisi ausgebildet werden, überall lernte er sein Pensum in lateinischer Sprache. Überall war auch der Lehrstoff der gleiche, da der Unterricht der Vermittlung eines einheitlichen, religiös ausgerichteten Weltbildes diente. Auf diese Weise entstand in den Gebildeten des mittelalterlichen Europa eine über alle ethnischen Grenzen hinwegreichende Sprach- und Gesinnungseinheit, eine universalistische, anationale Gemeinschaft. Die nationalen Sprachen galten als vulgär, roh und ungebildet. Nur vereinzelt finden sich vor der Reformation andere Anschauungen. So bricht Dante die lateinische Fassung der „göttlichen Komödie" ab und beginnt sein Gedicht von neuem auf italienisch; in einer Schrift „Über die Volkssprache" preist er die Mutter- 6