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Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 5

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Entwicklungslinien des Nationalismus
Date
1937-04-01
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Kurt Stillschweig: Entwicklungslinien des Nationalismus Charakterisiert der Historiker das 19. Jahrhundert mit einer kurzen Formel, so spricht er häufig von dieser Epoche als dem „Zeitalter des Nationalismus". Damit soll gleichzeitig negativ hervorgehoben werden, daß vor dem 19. Jahrhundert der Geschichtsverlauf nicht durch den nationalen Gedanken, sondern durch andere Faktoren bestimmt worden ist. Auf den ersten Blick mag eine derartige Anschauung vielleicht befremden. Ist doch der Nationalismus eine Bewegung, die von Volksgruppen getragen wird. Volksgruppen aber sind keine Produkte des 19. Jahrhunderts, sondern ethnische Einheiten, die seit jeher bestanden haben. Trotzdem trifft die Bezeichnung der neuesten Zeit als Epoche des Nationalismus zu. Gewiß existierten die Gruppen, die wir heute Völker oder Nationen zu nennen pflegen, schon vor dem 19. Jahrhundert. Aber sie bildeten in der Vergangenheit meist bloße Sprach- oder Abstammungsgemeinschaften, denen ein heute vorhandenes Merkmal fehlte: das Nationalbewußtsein. Allerdings erzeugt die einheitliche Sprache oder die gemeinsame Abstammung innerhalb jeder Gruppe ein Gefühl der Verbundenheit. Aber es handelt sich hierbei um ein bloßes Zusammengehörigkeitsgefühl, das nicht mit dem Nationalbewußtsein zu verwechseln ist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist eine psychologische Erscheinung, d. h. es besteht aus einer politisch farblosen Sympathieempfindung der einzelnen Gruppenmitglieder zueinander. Das Nationalbewußtsein dagegen ist ein politisches Phänomen. Es enthält die Vorstellung der Gruppe, eine ethnisch-politische Einheit zu bilden und äußert sich in politischen Aktionen oder Forderungen. Es hat einer jahrhundertelangen Entwicklung bedurft, um das Nationalbewußtsein, dieses auch in seiner Rückwirkung auf Juden und Judentum so bedeutsame Grundprinzip der Gegenwart, auszubilden. Im politischen Geschehen des Mittelalters spielt der nationale Gedanke eine untergeordnete, ja fast verschwindende Rolle. Ist doch das mittelalterliche Geschichtsbild weitgehend von der Kirche beherrscht. Die Kirche aber war anational, oder besser: antinational. Sie wertete die Demut als eine der höchsten christlichen Tugenden. Demut und Nationalgefühl erschienen ihr als zwei Begriffe, die miteinander unvereinbar sind. Nach mittelalterlicher Kirchenauffassung ist der nationalbewußte Mensch der Gefahr 5

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