Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Jüdische Jugend im Londoner Eastend
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 562 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedet Motulsky: Jüdische Jugend im Londoner Eastend Die durch das Gemeinschaftserlebnis der Schule gegangenen Kinder, Jungen wie Mädel, die neben dem Schulerlebnis durch die Enge der häuslichen Wohnung das gemeinsame Erleben der Straße und Höfe mit andern Kindern kennen lernten, können in den allermeisten Fällen nicht mehr in die Abgeschlossenheit des häuslichen Ghettolebens ihrer Eltern zurück. Für sie gibt es dann zwei Möglichkeiten: die eine, bei Kindern von Whitechapler Juden früher und auch jetzt noch vielfach vorkommende, ist der wirtschaftliche Aufstieg von London-O nach London-NW. Er ist oft mehr noch als bei ihnen selbst Wunsch und Ziel ihrer Eltern, die ihre Kinder etwas „Besseres" werden lassen, ihnen das eigene schwere Leben und den Existenzkampf als Händler, kleine Schneider und Heimarbeiter der Konfektion ersparen wollen, selbst um den Preis des Aufgebens ihrer religiösen Ideale. Oft entbehren sie das Notwendigste, um ihren Söhnen das Studium und den Töchtern die „gute Partie" zu ermöglichen. Dieser Aufstieg von der Händlerklasse zu den bewunderten und beneideten middle-classes war bis vor etwa einem Jahrzehnt der alleinige und erstrebenswerte. In den letzten Jahren aber ist durch andere Berufs- und Lebenswertung der Jugend und ihre stärkere Politisierung eine andere Entwicklung entstanden und in schnellem Wachsen begriffen. Heute studieren weniger jüdische Jugendliche aus dem jüdischen Eastend als noch vor wenigen Jahren und werden ungleich mehr von ihnen Schlosser, Elektromonteure, Tischler, Buchdrucker, Fabrikarbeiter und Angestellte. Auch die weiblichen jüdischen Jugendlichen bleiben nicht mehr zuhause; sie erlernen heute, wie die Mädchen der Mittelklassen vor zehn Jahren, einen Beruf, schaffen sich eine Berufsausbildung als Lehrerin, Sozialarbeiterin, Ärztin, unter anderen, schwereren Bedingungen als die Mädchen der Mittelklassen, für die das Studium häufig nur Mode ist und zum guten Ton gehört, wie vor 30 Jahren das Töchterpensionat. Aber nur ein kleiner Prozentsatz der jüdischen Mädchen aus dem Eastend kann Studium oder Ausbildung durchsetzen; meist fehlt auch die Hilfe der Eltern, die eine Ausbildung der Tochter für überflüssig halten und nur Sparen für die Heirat anerkennen. Die Mehrzahl der Mädchen nimmt Stellungen als Verkäuferin, Stenotypistin, Hausangestellte und Fabrikarbeiterin an. Neben ihrem Beruf reihen sie sich ebenso wie ihre männlichen Kameraden in Jugendorganisationen und Jugendgemeinschaften ein. Der individuelle Aufstieg macht dem Aufstieg der Gemeinschaft Platz. Die Wahl der Jugendorganisation ist bei den jüdischen Jugendlichen des Eastend sehr unterschiedlich. Zugehörigkeit zu rein religiösen Bünden ist nicht häufig, teils aus weltanschaulichen Gründen, teils aus Opposition gegen die oft starre Religiosität des Elternhauses. Die jüdisch-liberalen Bünde, die in den 562