Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Jüdische Jugend im Londoner Eastend
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 563 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Helene Poritzky-Orzolkowski: Hand und Kult letzten Jahren durch die stärker hervortretenden antisemitischen Strömungen im Nordwesten Londons Zuwachs bekamen, sind in Whitechaple relativ bedeutungslos geblieben. Dagegen haben die zionistischen Bünde, vorwiegend die linksgerichteten unter ihnen, ein beachtliches Wachstum zu verzeichnen. Von nichtjüdischen Jugendorganisationen kommen für die jüdische Eastend- Jugend, außer in seltenen Fällen unpolitische Sportorganisationen, nur sozialistische in Frage. „In meiner Jugend habe ich in meiner freien Zeit Talmud gelernt, aber meine Kinder kennen das nicht mehr", klagte mir ein alter Jude, die in Whitechaple eine kleine Schneiderwerkstatt hat; „am Abend, kaum daß sie von der Arbeit ausgeruht sind, oft auch gleich, gehts wieder los. Und wohin! Wenn es schon noch Kino oder Tanz wäre! Auch schlimm genug, denn der Mensch ist dazu da, um sich in seiner freien Zeit mit unserer heiligen Lehre zu beschäftigen. Aber was die Kinder tun, ist noch ärger als Kino und Tanz. 'Ich geh zu einem meeting', 'ich hab Schulungsabend', 'über das Weekend gehen wir auf Fahrt*. Das sind die Antworten, denken Sie, die sie ihrem Vater geben, wenn er sie bittet, zu Hause zu bleiben. Unseren heiligen Schabbos nennen sie Weekend und gehen auf Fahrt! Mein Sohn ist wenigstens noch in einem jüdischen Bund, aber das Mädel — denken Sie, gerade das Mädel! — ist bei den Sozialisten. Und wenn die beiden schon mal zu Hause sind, dann streiten sie über ihre Ideen, über ihre verschiedenen Weltanschauungen." Der alte Jude fragt tief bekümmert: „Was kann ich da tun?" Und er antwortet gleich selbst auf seine Frage: „Nichts kann ich da tun." Die jüdischen Jugendlichen, die sich sozialistischen Organisationen und Jugendbünden anschließen, sind in den allermeisten Fällen dem Judentum verloren, dem religiösen wie dem nationalen wie dem liberalen. Das ist eine nicht nur für die Eltern, sondern auch für den Fortbestand des Judentums schmerzliche, aber nicht wegzuleugnende Tatsache. Helene Poritzky-Orzolkowski: Hutld 1111(1 Ktllt Die menschliche Hand ist neben dem Hirn die Schöpferin der Kultur. Durch den opponierenden Daumen grundsätzlich anders geformt als die „Hand" selbst der höchstentwickelten Menschenaffen, ist die menschliche Hand befähigt, die hochfliegenden Ideen des Geistes zu realisieren, mit dem Hirn „Hand in Hand" zu gehen in der Entwicklung der Kultur. Sämtliche Werkzeuge sind gewissermaßen Fortsetzungen, Erweiterungen 563