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Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 561

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Jüdische Jugend im Londoner Eastend
Date
1937-03-01
Page
561 (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Jugend im Londoner Eastend eine große Abonnentenzahl hat. Sie leben ghettomäßig, völlig isoliert von ihrer nichtjüdischen Umwelt. Aber ihre ehemals soziologisch bedingte Isolierung wird, ebenso soziologisch bedingt, durch ihre eigenen Kinder durchbrochen. Denn ihre Kinder kommen von ihrer Schulzeit ab mit ihnen bis dahin unbekannten Umweltsfaktoren in Berührung und müssen sich mit ihnen auseinandersetzen. Da ist die „Freie jüdische Schule", eine der größten und bekanntesten Schulen des Eastend. Diese seit über hundert Jahren bestehende Schule mit insgesamt 500 Kindern und 40 Lehrern nimmt neben einem überwiegenden Prozentsatz an jüdischen Kindern auch nichtjüdische aus dem Wohnviertel auf. Und es ist bezeichnend, daß der Verkehrspolizist, den ich an der Untergrundbahn Liverpoolstreet nach dem Weg zur „Freien jüdischen Schule" frage, mir erzählt, daß sein neunjähriger Junge seit seinem Schulbeginn dort ist und sich da sehr glücklich fühlt. Auf meine Frage, ob es denn keine Schwierigkeiten zwischen jüdischen und nichtjüdischen Kindern gebe, meinte er ganz erstaunt: „Warum eigentlich? In einer so guten Schule? Das verstehe ich wirklich nicht. Gehen Sie erst mal hin, dann werden Sie's auch nicht mehr verstehen." Er hat recht behalten: ich verstand sein „Warum eigentlich?" viel besser, als ich die frohen und lernfreudigen Jungen und Mädel und ihre Lehrer sah. Die Lehrauffassung von Verantwortung und Leistungsnotwendigkeit der vorwiegend jungen Pädagogen, in der Mehrzahl Juden und zu einem kleinen Prozentsatz Nichtjuden, und die soziale Zusammensetzung der Kinder zeigten die Basis für Zusammenarbeit und Zusammenleben. Eine ähnliche Erfahrung lehrte die neben der „Freien jüdischen Schule" gelegene und mit ihr Hand in Hand arbeitende „Psychologische Kinderklinik". Diese Klinik wurde vor einigen Jahren unter Verwaltung des Londoner County Council mit Mitteln von jüdischen Organisationen und mit der Arbeits- und Einsatzfreudigkeit von psychologisch und pädagogisch interessierten Ärzten, Pädagogen und Sozialarbeitern aus ganz kleinen Anfängen heraus geschaffen. Heute kann die Klinik schon täglich 300 Kinder behandeln. Die Nachfrage aus jüdischen und auch nichtjüdischen Kreisen ist aber ungleich größer als die Aufnahmemöglichkeiten. Die Klinik ist nur Tagesheim, sie nimmt schwierige und gefährdete Kinder vom 1. bis zum 16. Lebensjahr auf und arbeitet neben Pawlow'scher Intelligenzprüfung und schon bekannten und erprobten psychologischen Methoden mit der Methode der Spielpsychologie, die durch ungehemmtes Spielen des Kindes, allein oder mit anderen Kindern zusammen, oft zu schnellem Erkennen der vorwiegend an Milieuschwierigkeiten leidenden Kinder verhilft. 561

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