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Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 560

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Jüdische Jugend im Londoner Eastend
Date
1937-03-01
Page
560 (sequence 2)
Language
German
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Friedet Motulsky und middle-classes auf der einen und dem Eastend der Händler, Arbeitslosen und Arbeiter auf der anderen Seite. Die Ost-City, Verbindung zwischen der eigentlichen City und dem Eastend, ist der Stadtteil, in dem in den letzten Jahren sich häufende Feindseligkeiten und Tätlichkeiten in den Straßen gegen die Juden ausgetragen wurden. Die Straße, die von der Ost-City nach dem überwiegend von Juden bewohnten Whitechaple führt, trägt den für diese endlos scheinende Straße bezeichnenden Namen: Commercialstreet, Händlerstraße. Der in London kolportierte Witz: „Die Engländer würden ja den Juden gern ganz Palästina geben, wenn die ihnen den Osten Londons dafür abtreten würden", ist gleichzeitig bezeichnend für die Massierung von jüdischen Menschen im Eastender Whitechaple und für die so häufig unrichtigen Verallgemeinerungen jüdischer Fragen. Denn Whitechaple ist räumlich und einflußmäßig nur ein kleines Wohn- und Geschäftsviertel des Eastend. Auch im übrigen Eastend wohnen Juden, etwa im Zahlen-Verhältnis der Nichtjuden in Whitechaple. Gespräche mit jüdischen Jugendlichen im Eastend ergeben übereinstimmend, daß der Antisemitismus im Eastend selbst nur vereinzelt zu finden ist. Ein Sechzehnjähriger, der in einer Tischlerei arbeitet, beantwortet meine Fragen nach den Ursachen für seine und seiner Kameraden ruhige Sicherheit. „Wir im Eastend leben unter den gleichen Umständen, Juden und Nichtjuden, wir haben mit den gleichen Existenzschwierigkeiten zu kämpfen. Bei uns im Haus zum Beispiel wohnen neun Parteien mit 32 Menschen, von denen drei Parteien mit zehn Menschen Juden sind. Unter den insgesamt elf Arbeitslosen sind vier Juden. Wir helfen uns gegenseitig. So etwas verbindet. Da sind Verschiedenheiten nicht mehr wichtig, weder religiöse noch nationale. Nur die ältere jüdische Generation, besonders aber die in Whitechaple, betont die Verschiedenheiten. Viel mehr als die Nichtjuden des Eastend." Für einen überwiegend großen Teil der Juden in Whitechaple trifft die Feststellung von der Betonung und Überbetonung der Verschiedenheiten tatsächlich zu. Sie leben wie in einer Massensiedlung, isoliert von ihren nichtjüdischen Nachbarn, an die sie oft nicht einmal die gleiche Sprache bindet. Denn die Juden in Whitechaple sprechen jiddisch, und ihre Läden und Stände in den Straßen und auf dem bei Inländern und Ausländern bekannten Whitechapler Markt tragen Namen und Waren-Bezeichnungen mitunter nur in hebräischen, häufig in hebräischen und englischen Buchstaben. Sie haben ihre Synagogen, ihr jiddisches Theater, vor dem oft die Besucher in Schlangen nach Karten anstehen, ihre jiddische Zeitung, die 660

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