Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 546

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Siebzig Sprüche
Date
1937-03-01
Page
546 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895565-2906975--09593-2907024
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Martin Buber staltet werden, auch es heißt maschal. Es kann sich aber auch eine Aneinanderreihung von parallelistisch gebauten Spottversen zum lockerer geformten Spottgedicht, eine Aneinanderreihung von parallelistisch gebauten Sinnsprüchen zur lokerer geformten Lehrrede umbilden, und auch diese werden maschal genannt. Auch zur Orakelrede können sich die Distichen zusammenschließen, und auch ihr haftet der gleiche Name an. Dagegen wird das Lied niemals maschal genannt, weil der primäre Charakter seiner einheitlichen Ganzheit so stark ist, daß es schlechthin nicht als eine Zusammenfügung jener kleinen Einheiten aufgefaßt werden kann; ein Lied setzt sich eben nicht aus Versen zusammen, sondern gliedert sich in ihnen. Parallelistische Dichtung ist nicht den Semiten eigentümlich; wir finden sie überall, von „primitiven" Negerstämmen bis zu einer so verselbständigten höfischen Kultur wie die chinesische. Als ihren Ursprung möchte ich die dialogische oder antiphonische Improvisation ansprechen. Bei den Ostasiaten singen in Jahreszeitfesten, mit denen Brautwerbungsriten verschmolzen sind, Jünglings- und Mädchenchöre einander parallelistisch an; bei den finnisch-ugrischen Völkern fassen je zwei Sänger des Volksgesangs, Knie an Knie gegenübersitzend, einander an den Händen und singen, die Oberkörper einander rhythmisch zuwiegend, mitsammen die parallelistischen Doppelverse der Sage. Auch in der Bibel wird oft (so II.M.32,18; Richter 5, u; I. Samuel 18,7; 21,12; 27,2) von Wechselgesang berichtet, und der Begründer der biblischen Poetik, Robert Lowth, meint sogar (De sacra poesi Hebraeorum, 1753), bei den Hebräern habe fast alles Dichten irgendwie dialogische Form. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß auch der Ursprung des Maschal, dieser konzentrierten parallelistischen Gestaltung, ein dialogischer gewesen ist: der eine Sprecher sagt einen Vers, der andere antwortet ihm, antithetisch oder bildausdeutend oder ergänzend, immer aber in der Form der Entsprechung. Während jedoch z. B. in China die subtilste Ausbildung des Parallelismus in einem literarischen Spiel geschieht, wo die Aufgabe gestellt wird, einen Satz durch einen Wort um Wort entsprechenden zum Doppelvers zu runden, vollzieht sich in Israel ein merkwürdiger Prozeß. Unter den möglichen Antwortarten tritt die antithetische beherrschend hervor, und in ihrer Form spricht sich ein gegensätzliches Grundverhältnis aus, welches den Kern aller hebräischen Spruchdichtung darstellt: der Kampf zwischen der „Weisheit", die die Erkenntnis der Wege Gottes ist, und der „Torheit", als die das Abirren von diesen Wegen erscheint. Dieser Kampf ist das große, bei aller Einheitlichkeit doch erstaunlich vielfältig variierte Hauptthema der „Gleichsprüche", auf das alle andern Themen direkt oder indirekt bezogen sind. Die hebräische Spruchdichtung ist nicht original. Sie hat der altorientalischen, insbesondere der reichen ägyptischen Weisheitsliteratur vieles entnommen, einiges geradezu daraus über- 546

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.