Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Siebzig Sprüche
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 545 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber: Siebzig Spräche aus dem Buch der „Gleichsprüche Salomos" verdeutscht Die folgende kleine Auswahl ist dem unter dem Namen Salomos in den biblischen Kanon aufgenommenen Spruchbuch entnommen und nach Gegenständen geordnet*). Unter den Gegenständen habe ich die gewählt, die sich am ehesten zur knappen Darstellung einer geistigen Welt zusammenschließen ließen; um dieser Absicht willen mußte auch so Grundwichtiges wie das Lob der Weisheit und ihr Kampf gegen die Torheit unberücksichtigt bleiben. Innerhalb der einzelnen Gegenstände habe ich unter den Sprüchen oft die charakteristischen, die kühn und unbefangen formulierenden also, den typischen, umlaufendes Gedankengut sprachlich abwandelnden vorgezogen. * Eine Erklärung des Terminus „Gleichsprüche" erscheint erforderlich, da er einem des Hebräischen unkundigen Leser und vielleicht auch manchem seiner kundigen befremdlich klingen mag. Das Nomen maschal, das ich mit „Gleichspruch" übersetze, kann nicht wohl von dem Verb maschal, herrschen, sondern nur von dem Verb maschal, vergleichen, abgeleitet werden. (Daß beide Verben wurzelgleich sind und die Bedeutung im Kai etwa als „die einander entsprechenden Dinge zusammenordnen" zu fassen ist, möchte ich immerhin vermutungsweise äußern: von dieser Einheit aus läßt sich eine Verzweigung zu einerseits „regeln, verwalten, walten" und anderseits „als entsprechend behandeln, vergleichen" wohl verstehen.) 'Vergleichen' ist keine ganz zulängliche Wiedergabe der Bedeutung im Niphal: geradie auf eine strenge Gleichung könnte das Wort nicht angewendet werden; richtiger ist 'teilweise gleichen', noch genauer 'entsprechen'. Wenn von A gesagt wird, daß es nimschal dem B, so heißt das nicht, es werde mit ihm identifiziert, sondern es gebe in A Elemente, die sich mit Elementen von B sinnlich oder sinnhaft berühren, und A könne B so gegenübergestellt werden, daß diese Berührung unmittelbar verspürt wird. Als Bezeichnung eines sprachlichen Gebildes weist das Nomen maschal doch wohl am ehesten auf die Zusammenordnung zweier oder mehrerer einander entsprechender rhythmischer Teileinheiten hin, wobei die Entsprechung dann als vollkommen angesehen werden darf, wenn bestimmte Worte der einen Einheit sich mit den an der gleichen Stelle stehenden der andern sinnhaft berühren. Maschal ist also zunächst ein in sich „parallelistisch" gebautes Gebild, ein Gleichlaufgebild. Von da aus entwickelt sich aber die Wortbedeutung über den Bereich der rhythmischen Zusammen Ordnung in den der ungebundenen Äußerung hinaus, und zwar scheint der Übergang das aus dem salomonischen Spruchbuch wohlbekannte „malende" Distichon (z.B. Kap. 25, Verse 11, 12, 14, 18, 19) zu sein, in dem der erste Stichos einen sinnlichen, der zweite einen jenem verglichenen geistigen Vorgang behandelt. Auch ohne rhythmisches Gleichmaß kann „Gleichnis" ge- *) Das ganze Buch wird als XV. Band der Schriftübertragung erscheinen. 545