Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 542 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Landau: Die Prophetie als geislesgeschichtliche Bewegung Voltaire eintrat! Nur der Prozeß Calas ist noch bekannter. Damals verfaßte Voltaire, in seinem sicheren Asyl in der Schweiz, seine Schrift über die Toleranz. Er, der meinte, daß die Erzählungen im Pentateuch oft diejenigen etwas stutzig machen, die „das Unglück haben, nur nach ihrer Vernunft zu urteilen", dem die Propheten „nicht weniger abstoßend" als die Könige waren, der von sich selbst sagte, er wolle nur Bekenner, nicht Märtyrer sein, kämpft nur um eine Idee der Aufklärung; ihm geht es nicht sowohl um den Kampf für die Gerechtigkeit, als um den Kampf gegen die Kirche. Elia hebt, auch wenn er als politisch handelnder Mann in die Geschichte seines Volkes eingreift, den „Fall Nabot" aus der aktuellen Zeitgebundenheit heraus und fordert jenseits aller Tendenz und Doktrin, jenseits aller rationellen Motivierung im Namen Gottes unbedingte Gerechtigkeit. Der Prophet Jesaja ist Träger einer neuen Geschichtsphilosophie. Seine Anschauung, daß Gott die Geschichte der Völker lenke, wurzelt ganz im Religiösen; ihre Übertragung in die reale Wirklichkeit verlagert sie aus der religiösen in die politische Sphäre. Von der Ebene seiner religiösen Geschichtsauffassung aus hat Jesaja des öfteren in die äußere Politik seines Landes eingegriffen. Ob er im syrisch-ephraemitischen Kriege dem König Jotam rät, sich vor den „rauchenden Feuerstümpfen" Aram und Ephrim nicht zu fürchten, ob er beim Aufstande Asdods gegen Assyrien, das Schicksal Asdods ankündend, in der Kleidung eines Kriegsgefangenen einhergeht, um sein Volk zu warnen, ob er von einem Bündnis mit Ägypten abrät, weil Mizraim „Mensch ist, nicht Gott", weil seine „Rosse Fleisch, nicht Geist" sind, — all dieses Handeln ist politisches Handeln. Aber die seelischen Triebkräfte sind Ausstrahlungen religiöser Ergriffenheit, Jesaja fühlt sich als Knecht Gottes gerade dann, wenn er politisch tätig wird. Diese prophetische Geschichtsauffassung gestattet auch eine wissenschaftliche Betrachtungsweise. „In aller Geschichte wohnt, lebt, ist Gott zu erkennen. Jede Tat zeugt von ihm, jeder Augenblick predigt seinen Namen, am meisten aber, dünkt mich, der Zusammenhang der großen Geschichte."... „An gewissen Stellen fühlt man sich besonders versucht, wenn wir es aussprechen dürfen, den Planen der göttlichen Weltregierung ... nachzuforschen." .. „Denn die Ideen, durch welche menschliche Zustände begründet werden, enthalten das Göttliche und Ewige, aus dem sie quellen, doch niemals vollständig in sich... Wenn die Zeit erfüllt ist, erheben sich aus dem Verfallenden Bestrebungen von weitreichendem geistigen Inhalt, die es vollends zersprengen. Das sind die Geschicke Gottes in der Welt." Diese Gedanken sprach (in einem Brief, in der Geschichte der Päpste und in der Reformationsgeschichte) Leopold von Ranke aus, ein Historiker, 542