Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 543 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nelly Sachs: Biblische Lieder Abendlieder der Rath Fließe, Abend, aus zerbrochnem Krug! Strohhalm hält die Ewigkeit gefangen; Schnitter und die Schnitterinnen sangen lange schon das Feierwort 'Genug*. Heuschreck schläft, und Biene summt so leise und die Hindin fahndet in die Ruh' und mein Herz ist eine Opferspeise: Gott, teil sie der Liebe gnädig zu. Sterne fliegen wie die Vögel nieder, kniee ich so still zu Boas' Füßen, und verhüllen mit dem Lichtgefieder unsre Herzen, sie mit Gott zu süßen. Hab ich in die Heimat hingefunden, die, ein rauschend Mantel, mich umfließt? Selig Wort, das tiefer weint als Wunden und die Pforte wie ein Tempel schließt. ein in die Vergangenheit zurückschauender Sinndeuter der Geschichte. Eine Betrachtungsweise, die nicht den ganzen Aktionswillen, sondern nur die religiösen Motive der Propheten berücksichtigt, wird also der Persönlichkeit und Leistung der einzelnen Männer nicht gerecht. Denn es ging auch ihnen um die Neuordnung des ganzen Daseins, um Volk und Völker, um sozialen Frieden und gerechtes Gericht, um die vorbildliche Lebenshaltung des Einzelnen und der Gemeinschaft auf allen Gebieten, um die Wiedergeburt der Lebensordnung überhaupt. Die Prophetie ist eine große umfassende menschlich-wesenhafte Bewegung, nicht nur deren zentrale Kraft. Die Propheten wollen eine vollständige „Renaissance", freilich keine Wiedergeburt aus der virtü florentiner Renaissancemänner oder aus der ratio englischer und französischer Aufklärer, sondern eben aus dem ruach, aus dem Geist, den Jesaja, Micha oder Secharja meinen. 543