Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Landau oder die menschliche Vernunft: Maß aller Dinge ist Gott. Das prophetische Gotterlebnis meint ein Doppeltes: eine wirkende Kraft und ein ordnendes Prinzip, ein Irrational-Weltanschauliches und ein Sichtbar-Regulatives. Gott wirkt im Menschen, auch gegen ihn. Im Schicksal des Einzelnen und in der Geschichte der Völker ist die göttliche Urkraft wirksam, unerkennbar für den zeitgebundenen Menschen, unbewußt auch dem in Wahrheit nur als Werkzeug Gottes handelnden Akteur der Geschichte. Die im Menschen lebendige göttliche Kraft äußert sich im religiösethischen Gefühl, das die Willensakte des Menschen normieren und regulieren soll. In diesem Sinne kann gesagt werden: Maß der Dinge ist der religiös-sittliche Mensch. Der religiösen Weltanschauung der Propheten entspricht die religiös, nicht rational, vernünftig fundierte Ethik. In der religiös-sittlichen Persönlichkeit werden drei Tugenden sichtbar: Gerechtigkeit, Menschenliebe, Demut. Diese Tugenden sind nach der Auffassung der Propheten aus der Innenwelt in die Außenwelt zu projizieren. Die Transformation dieser Forderungen an den Menschen in die durch ihn zu vollziehende Wirklichkeit ist Voraussetzung für die Verwirklichung einer idealen Gemeinschaft, für die Errichtung des Königtums Gottes in der Menschenwelt. Dieser mach, dieser göttliche „Geistbraus" ist die zentrale Kraftquelle im prophetischen Menschen. Von jener inneren Macht bewegt, stehen die Propheten in politischer Opposition gegen die herrschenden Gesellschaftsmächte, gegen das Königtum, die „Oberen und Fürsten" Israels, gegen das Priestertum, die offizielle „Kirche", gegen das Demagogentum der „Lügenpropheten", gegen die besitzenden unsozial handelnden Schichten. Sie greifen in die innere Politik ein, wenden sich gegen falsche außenpolitische Maßnahmen, schreiben aber ihre Flugschriften auch gegen ausländische Gewalthaber und Staaten. Sie sind Geschichtsphilosophen, die sich vom Wesen der Gemeinschaften, von den in der Geschichte waltenden Kräften genaue Vorstellungen machen, die zum ersten Male vom ewigen Frieden sprechen, der für sie keine Schreibtischidee ist. Ihre theokratische Geschichtsauffassung wird nicht als wissenschaftlicher Gedanke konzipiert, sondern ist erlebt und gelebt worden. Trotz ihres „Weltbürgertums" kommen ihnen an Patriotismus die Männer der Renaissance und Aufklärung nicht gleich. Sie sind Sozialethiker. Sie sind, modern gesprochen, auch Lebensreformer, die die Lebensführung im Alltag des schaffenden Menschen umgestalten wollen. Elia und Jeremia stehen den Rechabitern nahe, die nicht nur eine bescheidene Sekte gewesen sein können. (Jer. Kap. 35; 2. Kg. 10, 15 ff., 23.) Als religiöse Reformatoren, die immer wieder vollen Einsatz der Persönlichkeit wagen, bekämpfen sie den offiziellen Opferkult als Gottesdienstersatz oder die primitive 640