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Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 539

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung
Date
1937-03-01
Page
539 (sequence 3)
Language
German
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Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung Sphären aufgespalten, sondern hinter allen Einzelerscheinungen steht als deren Träger und Ausdruck der Mensch, und sie wollen die Lebens- und Gesellschaftsordnung dadurch reformieren, daß sie den in diese Ordnung hineingestellten und sie zugleich gestaltenden Menschen reformieren. Hierzu erscheint ihnen die Umschmelzung der geistigen und seelischen Kraft, des das Leben bewegenden Willens des Menschen notwendig. In der Erkenntnis und Wertung der die Wirklichkeit tragenden Willenskräfte ragt die Prophetie weit über Renaissance und Aufklärung hervor. Wodurch die Propheten sich wesentlich von den Männern der Renaissance und Aufklärung unterscheiden, was sie tatsächlich zu anderm und zu mehr als nur Philosophen, Staatsmännern, Reformatoren, was sie eben zu Propheten macht, ist der religiöse Urgrund, aus dem ihr Ethos fließt. Renaissance ist Wiedergeburt der Persönlichkeit Der Mensch entdeckt sich als Einzelwesen, löst sich aus den Bindungen von Kirche, Feudalstaat, Zunft, wird aus einem Kollektivglied ein bewußtes Einzelwesen. Der Mensch wird, wie schon einmal in der Antike, wieder Maßstab der Dinge, und zwar nicht der religiöse Mensch, sondern der sich als einzigartige, außergewöhnliche, nur eigner Kraft und eignem Willen gehorchende Persönlichkeit entfaltende Mensch, der uomo singulare, uomo unico, der im guten und bösen große Mensch. Diese sich frei und mächtig selbstgestaltende, auch amoralische Einzelpersönlichkeit steht hinter den Umbildungen und Neuordnungen von Staat, Wirtschaft, Kirche, von Wissenschaft, Kunst und Religion. Aus der Gattung Mensch hebt dann die Aufklärung den „bürgerlichen" Menschen heraus; das städtische Bürgertum tritt in Gegensatz zu Königtum, Adel, Geistlichkeit und unfreiem Bauerntum. „Wage dich deines Verstandes zu bedienen!", ist das berühmte Motto der Aufklärung. Der Mensch will die Lebensverhältnisse „vernünftig" ordnen. Maßstab der Dinge ist nicht mehr, wie in der Renaissance, das große singuläre Individuum, sondern der vernünftige Mensch, die menschliche Vernunft. Die Institutionen der Wirklichkeit werden auf ihre Vernünftigkeit hin untersucht. Staat, Gesellschaft, Recht, Religion werden ohne Rücksicht auf ihr geschichtliches Wachstum und organisches Gewordensein kritisch betrachtet. Von der Prüfung dessen, was war oder noch ist, schreitet die Aufklärung zur Beantwortung der Frage dessen, was vernünftigerweise sein soll. Die neue Weltordnung soll des vernünftigen Menschen würdig sein. Wissensgestaltung wird Lebensgestaltung. Die französische Revolution ist der Versuch, das durch die Aufklärer geschaffene vernünftige Zukunftsideal in die Wirklichkeit zu übertragen. Anders offenbart sich das Leben den Propheten. Maß aller Dinge ist nicht der Mensch in höchster Entfaltung seiner Kräfte 539

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