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Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 538

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung
Date
1937-03-01
Page
538 (sequence 2)
Language
German
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Ludwig Landau eine neue Geschichts- und Staatsauffassung, sie sich als stärker denn die Geschichtsphilosophie des rund drei Jahrhunderte jüngeren Piaton erweist. Der weitergehende Prozeß nun, den man als Verchristlichung der antiken Kultur bezeichnet, ist ohne die jüdische Prophetie nicht denkbar. Auch wenn man gegen Buber in der Lehre Jesu keine „jüdische Lehre", in dessen Wissen nicht „tiefstes Judentum", in ihm nicht einen „repräsentativen" oder einen „zentralen Juden" erblickt, — Jesus selbst jedenfalls hat sich ausdrücklich als Erfuller der Propheten bekannt, und Geistesgut der Propheten läßt sich überall bei ihm nachweisen. Ein auf sie zurückgehendes neues Weltbewußtsein hat die antike Geistigkeit abgelöst. An Piaton rügt Burckhardt „Stillegung der griechischen Kultur". Nicht das Ideal von Piatons Staat mit seiner Gliederung der Stände, seinem Leben ohne Privateigentum, ohne private Familie, sondern die prophetische Idee des messianischen Gottesreiches ist durch die Folgezeit als die schöpferische Idee erwiesen worden. Ohne die Prophetie, ohne ihre individuell-seelischen Ausstrahlungen, ohne ihre neuen sozialen Forderungen, ohne die ungeheure Dynamik ihrer auf die Endzeit der Geschichte ausgerichtete Geschichtsschau, ohne ihre Entdeckung der Begriffe Mensch und Menschheit, ohne ihre im Religiösen verankerte Ethik, ohne ihre als tatsächliche Wirklichkeit vorgestellte Utopie vom Reich Gottes auf Erden wäre ein Geschichtsleerlauf entstanden. Es ist nicht auszudenken, welche geistigen Vorstellungen und gesellschaftlichen Daseinsformen die verbrauchten ausgeleerten Institutionen des abgestorbenen Altertums sonst hätten ablösen können. Wie die Prophetie und ihre Nachfolge die Metamorphose der Antike ermöglichten, so schließen Renaissance und Aufklärung Kulturepochen ab, nachdem auch jene Umschmelzungsprozesse jahrhundertelang gedauert hatten. Die Renaissance steht an der Neige des Mittelalters, die Aufklärung und die französische Revolution von 1789, die eine Anwendung ihrer Denkergebnisse auf eine bestimmte politische, wirtschaftliche und geistige Wirklichkeit darstellt, leiten den Beginn der „Neuzeit" ein. Alle drei Kulturbewegungen stehen an echten Zeitwenden, und das Bewußtsein hiervon ist so eindringlich, daß wir das Neue der jeweiligen jüngeren Epochen eben durch neue Namengebung erkennbar machen. Sie alle erstreben eine Neugeburt der menschlichen Lebensverhältnisse. Auch den Propheten kommt es auf die Reform des gesamten Daseins an, auf eine Neugestaltung des Lebens des Einzelnen, der Gemeinschaft und der Gemeinschaften. Ihnen erscheint die Ganzheit des Daseins noch nicht in wirtschaftliche, staatlich-politische, sozial-gesellschaftliche, religiöse Einzel- Ära

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