Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 537 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- Isaiah 1× ep/1005097
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Ludwig Landau: Die Prophetie als geistesgeschichtliche Bewegung Die jüdische Prophetie betrachten wir im allgemeinen nur als religionsgeschichtlich bedeutsame Bewegung. Suchen wir Kenntnis und Erkenntnis von Propheten und Prophetentum, dann führt der Weg dazu fast ausschließlich über ein theologisches Schrifttum, das nur wenig jüdische Namen nennt und Einzelprobleme abhandelt, ohne ein Gesamtbild zu geben. Wenn es richtig ist, daß die Prophetie „den Beginn der geistigen Weltgeschichte bedeutet und auf sie viel größeren Einfluß geübt hat als die Philosophen Griechenlands" (Duhm) oder daß es sich beim Prophetismus um eine „der größten geistigen Mächte handelt, welche die Geschichte der Menschheit je gesehen hat" (Cornill), dann muß eine geistesgeschichtliche Einordnung dieser Bewegung und ihre Konfrontierung mit andern geistigen Prozessen der Weltgeschichte versucht werden. Gerade heute genügt es nicht, nur den religiösen und ethischen Inhalt und Gehalt der biblischen Dokumente von neuem kennen zu lernen, wir sind vielmehr bemüht, aus der Tiefe und Weite jüdischen Geistes ein vollkommneres, umfassenderes Weltbild zu formen. Dann aber müssen wir versuchen, uns von den Beschränkungen einer theologisch einengenden Betrachtungsweise frei zu machen. Die Prophetie und ihre Nachfolge führen den Ausgang der Antike herbei, sie ermöglichen überhaupt erst die Umwandlung des antiken in mittelalterliches Geistesleben. Hinsichtlich des Unterganges der altorientalischen Kultur ist diese Tatsache offenbar. Als das orientalische Denken erstarrt und dann orientalisches Menschentum zum Fellachentum verkümmert, gewinnt das prophetische, das neue Denken Macht über den jüdischen Menschen. Die politischen Gewalten, die jene alten Kulturen trugen, versinken, als die prophetische Idee den inneren Sinn der Menschen- und Völkergeschichte neu deutet, als sie die überhaupt erste Sinngebung der Geschichte versucht und als politischen Willen in Zeitgeschehen umsetzt. Assyrien erlebt eine neue Blüte, Ägypten ist noch immer eine Weltmacht: da steht, sicherlich nicht ohne Gefährdung des eigenen Lebens, ein einzelner judäischer Bürger namens Jesaja auf und spricht und schreibt gegen diese Weltstaaten die ihren Untergang ankündenden Worte, wie Kap. 10, 5 ff. oder 30, 1—5 und 31, 1—5 sie uns überliefern. Am Ausgang des achten vorchristlichen Jahrhunderts proklamiert er 537