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Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 533

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Ost und West
Date
1937-03-01
Page
533 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Werner Cahnmann: Ost Und West Man hat oft genug den Geschichtsweg der Juden auf deutschem Sprachgebiet abgegrenzt von den Wegen aller anderen Juden- Ii eiten, hat ihn gar eingeschränkt auf die auf kleindeutsch-reichsdeutschem Boden siedelnde Judenheit und hat bestenfalls Seitenblicke auf Wien und Prag geworfen. In Wirklichkeit gibt es zwei große Geschichtsepochen, in welche die Geschichte der Juden in Deutschland und den benachbarten Ländern zerfällt. Dazwischen liegt eine Atempause. Die erste Epoche ist die deutsch-französische. Ihr großer Name ist Raschi, ihr Sitz die Hochstraße des alten Reichs, der Rhein. Der „deutsche" Minhag ist der Minhag von Speyer, Worms, Mainz, in Bayern und Franken schon untermischt mit italienischem. Östlich der Elbe und Saale herrscht der Minhag Polen—Böhmen —Ungarn. Das zwischen Rhein, Donau, Elbe siedelnde frühmittelalterliche Judentum Deutschlands ist nicht „sefardisch", wie so viele Familienlegenden heutiger süddeutscher Judenfamilien glauben machen wollen, sondern vor-sefardisch und vor-aschkenac sisch. Die Ursprünge liegen im Römerreich. Die Kalonymos kamen aus Italien; Rabbenu Gerschom aus Metz und Raschi (R. Schelomo ben Jizchak) aus Troyes weisen nach Frankreich. Die Urkunden der Zeit sind voll von französischen Worten und Ausdrücken, vom Rhein bis nach Regensburg hinüber und von der Karolingerzeit bis ins Zeitalter der Kreuzzüge hinein. Das ist eine Folgeerscheinung der Entstehung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation ebenso wie Frankreichs aus dem Frankenreich, nur daß die Juden anscheinend länger und zäher an einer romanischen Mischsprache festgehalten haben als ihre christliche Umwelt. Um die Kreuzzugszeit scheint sich die ungemischte Deutschsprachigkeit durchgesetzt zu haben, — da rückte die grausige Katastrophe heran. Süßkind von Trimberg ist eine Frühblüte und zugleich ein letzter stehengebliebener Säulenschaft. Der Anschluß an das geistige Leben der Umwelt, in Spanien durch Jahrhunderte wirksam, wurde in Deutschland zerrissen, als er kaum geknüpft war. Aber auf innerjüdischem Gebiet hatte sich in jenen Jahrhunderten das aschkenasische Judentum formiert, das später das sefardische in der Führung der Weltjudenheit ablösen sollte. Raschi und seine Nachfolger (Tossafisten, R. Meir, Rothenburg, Maharil u.a.) sind die Vertreter des reinen Talmudismus, während Spanien und die Provence neben Tenach, Mischna, Gemara und daraus abgezogenem Minhag und Sittenbüchern auch Philosophie, Poesie und Grammatik, ja selbst die weltlichen Naturwissenschaften pflegten. 1348 ist die mittelalterliche Judensiedlung zwischen Rhein und Elbe vernichtet. Sie setzt sich im Osten Europas fort: von 533

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