Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Vernachlässigung aus Armut?
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 514 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch andere: das Begreifen von Dauer und Wandel in der Erscheinung des Judentums wird uns befähigen, die Gegenüberstellung von Universalismus und Partikularismus neu zu erfassen und so die Idee der Mission auf Kern und Grenze zurückzuführen. 3. Der Weg des Juden durch Welt und Zeit. In diesem Teile werden wir es schwerer und leichter haben als die Früheren. Schwerer werden wir es uns machen müssen im Festlegen des Unterschiedes zwischen aktiver und kontemplativer Religiosität. Leichter mag es dagegen möglich werden, daß sich denen, die den Weg lehren, Menschen anschließen, die den Weg gehen wollen. Damit sind auch hier zwei Aufgaben benannt, deren Lösung entscheidende Bedeutung zukommt. Einmal kommen die Halacha und ihr Gewicht innerhalb der jüdischen Frömmigkeit zu ihrem Recht. Zum andern kann endlich das nie gelöste, eigentlich nie recht angeschnittene Problem der „Vielen" (um nicht zu sagen: der Masse) im Liberalismus aufgegriffen werden. Dann könnten wir uns vielleicht wieder der alten Weite jüdischer Religiosität nähern, die sie viel mehr sein ließ als ein philosophisches System. Theologische Wahrheit und anthropologische Wirklichkeit könnten wieder zu dem fruchtbaren Grunde zusammenwachsen, den sie in alter Zeit darstellten. Pathos and Sympathie lieber Hesthels „Prophetie"*) „Das Bewußtsein der Propheten, von Gott inspiriert zu «ein, ist die Grundvoraussetzung ihrer Geistesart." Auf deutsch: die Propheten sind ernst zu nehmen, sie sind so zu nehmen, wie sie da sind und wie es geschrieben steht! Es ist ein Vergnügen, ein Buch so anfangen zu sehen, zumal wenn es ein wissenschaftliches Werk ist und keine Predigt, kein schöngeistiger Hymnus. So wird mit unserer Überlieferung wissenschaftlich, „modern" Ernst gemacht. Sobald man sich damit befaßt, staunt man naiv, warum es so lange anders gemacht wurde. Ganze Bibliotheken wurden über die Bibel geschrieben nach dem Grundsatz: Hier irrt der liebe Gott. Der Gelehrte, dessen Grips zu ameisig für mehr als Kathedergröße war, konnte nicht dulden, daß es einen Moses gab. Der sichere Mann, der nur glaubte, was er sah, und geistige Undurchschnittlichkeit nur im Irrenhaus beobachtet halte, erklärte die Propheten für eine Art von Irren und bezeichnete *) Abraham Heschel: „Die Prophetie." Verlag der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Krakau. In Deutschland zu beziehen durch den Erich-Reiß-Verlag, Berlin W 15. 614