Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Bebele
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 506 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Lemle: Vernachlässigung aus Armut? legt die Arme um ihren Hals und küßt sie heiß. Da, so, so, so gibt mans einer Mutter, die böse ist zu ihrem Kind. So, so tut man einer Mutter, die ihrem Kinde niemals einen Kuß geben wilL Gätel wehrt sich: Geh schon, sag ich dir. Eidel: Verrückte, laß die Mutter los. Sieh, wie dein Haar zerzaust ist. Wie eine Hexe siehst du aus. Bebele: Mit dir werde ich es auch gleich so machen. Sie springt auf Eidel zu und umhalst sie. Eidel: Laß mich los. Bebele: So, so hätte die Mutter es mit mir machen müssen. So hätte sie mir die Wangen abküssen müssen— 0, ich bin ganz außer Atem. Guck aus dem Fenster, sieh, die Sterne sind schon da... 0, ist mir wohl im Herzen! Du darfst schon anbeißen, Mutter. Zündet eine Lampe an. Eidel: Es ist doch noch so früh, Bebele. Nicht gut, Feuer anzuzünden, wenns draußen noch hell ist. Löscht die Lampe aus. Gütel: Hör schon auf zu tollen, es ist nun genug. Erzähl mir lieber, wo ihr wart. Bebele: Erzähl nicht, Eidele. Gälel: Du wirst doch nicht hingehn, wo man nicht hingehn darf, warum hast du also Angst zu erzählen? (Schluß folgt.) Heinrich Lemle: Vernachlässigung aus Armut? Ein Wort zur Lage im religiösen Liberalismus In die Gespräche um den religiösen Liberalismus hat sich Ungenauigkeit eingeschlichen. Man glaubt, ihn als ein einheitliches und in sich geschlossenes Gebilde betrachten zu dürfen, besonders dort, wo man über die Möglichkeit seiner weiteren Existenz urteilt. Seine Fürsprecher glauben viel zu gern an ein Weiterführen, das der Veränderung nicht oder doch nur in Außenbezirken bedarf, statt sich die Frage vorzulegen, was am religiösen Liberalismus aufrechterhalten werden kann. Seine Gegner meinen, ihn ganz aus dem jüdischen Leben streichen zu können, ohne sich zu überlegen, ob das wirkliche jüdische Leben das denn auch gestattet. Beiden Seiten der Beurteilung liegt die Tatsache zugrunde, daß der religiöse jüdische Liberalismus zur Zeit seines Entstehens und Werdens eine für ihn selbst verhängnisvolle Bindung einging: er hat das, was an ihm die Zeiten überdauern kann und soll, ailzu sehr verwoben mit dem, was die Zeit seiner Entstehung mit sich brachte. Die über die Zeiten erhabene Wahrheit und die von allem Äußeren unabhängige Berechtigung 506