Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Bebele
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 504 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Perez Hirschbein Gütel: Wie stark die Leinwand ist! Zwei Jahre trug Bebele das Hemdchen, und es ist kein einziges Löchelchen drin, im Gegenteil, — hier, seht! Liebe: Ihr schlaft heute auch nicht am Tage? Gütel: Nur am Tage? Kein einziges Mal lege ich mich früher hin als zwölf Uhr nachts. Ich kippe manchmal beinahe auf die Nase, man rackert sich ja tagsüber ab. — aber mich früher hinlegen als zwölf... Gott bewahre, noch habe ich mein Gelübde nicht gebrochen. Es ist mir nur leid, daß Neche-Henje nicht mehr lebt. So stolz wäre sie auf Bebele. Alle gestorben, alle sieben alten Frauen. Liebe: Das habt Ihr auch gemacht? Gütel: Ich habe Bebele für achtzehn Groschen an sieben alte Frauen verkauf t... Neche-Henje ist erst vor zwei Jahren gestorben. Sie sagte immer, seitdem hätte sie erst zu leben verdient, und wenn es ihr beschieden wäre, an den Ort der Frommen zu kommen, würde sie Bebeles Namen nicht von ihren Lippen lassen. Wer weiß, vielleicht habe ich nur deshalb eine so schöne Partie für mein Kind bekommen. Liebe: Weiß er wenigstens, der Bräutigam meine ich, wie lieb sie Euch ist? Gütel: Er wird sie lieb haben, so Gott will. Ich hoffe zu Gott. Liehe: Er ist von feinen Eltern. Er wird wissen, wie er sie zu hüten hat. Gütel: Wie erlebt man schon die lichte Minute! Gottchen, was willst du noch, das ich dir gebe? Schenk mir sie, laß sie die Mutter überleben. Es ist doch schwer, so ein Gelübde zu halten. Nur auf eins warte ich und kann den Augenblick nicht erwarten. Wieviel Lust habe ich doch schon darauf, mein Kind zu küssen, zu küssen... Mir scheint, dann wird mir vielleicht der Atem vergehen. Liebe: So etwas auf sich zu nehmen, war schon ein bißchen zu viel. Ich verstehe überhaupt nicht: Wie kann man sich denn zurückhalten und einem Kind keinen Kuß geben? Ich würde mir gewiß — Gütel: Wirklich schwer, sehr schwer. Dieses Gelübde nahm ich auf mich, als sie mir geboren wurde. Ich wußte, das wird mir am schwersten fallen. Denn wenn das Kind in der Wiege liegt, mit seinen roten Bäckchen, wie kann man sich dann beherrschen und ihm keinen Kuß geben? Oder wenn es sich festgesogen hat und einschlummert mit der Brust im Mäulchen, wie soll man ihm denn dann keinen Kuß auf das Mäulchen geben, wenn man die Brust herausnimmt? Und wer spricht schon gar davon, wenn das Kind angefangen hat, die ersten Schrittchen zu machen, wenn es anfängt zu präpeln — das Herz ist mix schier zerrissen vor Freude, und ich habe mir auf die Lippen gebissen und das Kind nicht angerührt. Sie weint vor Freude. Liebe: Nein, seht Ihr, ich hätte das nicht ausgehalten. Sie weint auch. Das Leben ist mir so schon finster genug. Und wenn die Kleine mir um den Hals fällt und mir gleich mitten in die Augen guckt und sagt: Mammi, wein nicht, — was soll ich denn dann tun? Ich geb ihr einen Kuß und höre auf zu weinen. 504