Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Bebele
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 503 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bebele aus dem Schrank, die mit weißer Leinwand zugebunden sind. Ihr müßt es versuchen. Nun sagt, woraus ist es? Liebe versucht und prüft den Geschmack: Mammelach, das ist doch Esrog! Gütel: Esrog, Liebeschi. Man hat mir gezeigt, wie es einzukochen ist. Liebe: Wie es schmeckt! Esrog. So ein Wunder. Kaum ist es eingemacht und schmeckt schon nach Esrog. Gütel: Drei Esrogim sind drin. Beim Kochen fallen sie zusammen. Und hier habt Ihr Kirschen, noch vom vorigen Jahr. Seht nur, wie frisch, — wie wenn sie erst gestern eingekocht wären. Liebe: Hm . . . Wie steif sie sind. Bei mir sind sie eingeschrumpelt. Hm . . Ein Leben! Solch ein Glück, so Gott will. Und wann wollt Ihr für die Hochzeitskleider Maß nehmen? Gütel: Nach Schabbes, wenn Gott uns Gesundheit schenkt. Die Hochzeit soll jetzt am i5. Schwat sein. Das Kind wächst noch; je später, um so besser. Mein Bebele! Wenn sie hereinkommt, wird sie sofort anfangen zu schreien: Genug, Mutter, du hast schon genug gefastet. Liebe: Warum denn, fastet Ihr denn heute? Gütel: Jeden Donnerstag, mag sie mir nur lange Jahre erhalten bleiben. Ich habe noch keinen Donnerstag ausgelassen, seit das letzte Kind mir weggestorben ist. Liebe: Was eine Mutter nicht alles zustande bringt.. Gütel: Ich hatte immer Montag und Donnerstag gefastet. Dann hat er, Ahron-Schloime, mir die Montage abgenommen. Liebe: Und das höre ich erst jetzt von Euch, Gütelschi? Wenn Ihr den Rabbiner fragt, wird er es Euch bestimmt erlassen. Gütel: Aber was wird mir denn schwer, wenn es ihretwegen ist? Liebe: Da habt Ihr sie Euch wirklich von Gott ausgebetet. Denn wer weiß, für wessen Sünden man aufzukommen hat Gütel: Mein Mann, er soll leben, sagt das auch. Wenn ich nicht so ein schweres Gelübde auf mich genommen hätte, wer weiß, ob mein Kind der Mutter leben geblieben wäre. Als mir das letzte Kind wegstarb, habe ich ein Schloß ins Grab gelegt. Vielleicht ist nun wirklich die Erde zugeschlossen. Nicht eine einzige Träne habe ich vergossen. Eine Kleinigkeit für eine Mutter, keine Träne zu weinen, wenn man ihr Kind ins Grab legt... Liebe: Was würden wir bei Gott wert sein, wenn wir uns in der Not nicht ausweinen könnten? Gütel kramt in der Kommode: Sehl einmal, wie ganz noch das Hemdchen ist. So liegt es hier in meiner Kommode, ausgewaschen und geplättet. Wißt Ihr, was das ist? Liebe: Ihr Kinderhemdchen. Gütel: Mögt Ihr gesund und stark sein: das ist doch von der alten Rebbezin, möge sie im lichten Paradies sein. Als sie starb, gaben die Frauen es mir. Aus ihrem Hemd habe ich eins für das Kind genäht. Mir zitterten Hände und Füße, als ich die Leinwand schnitt. Liebe: Keine Kleinigkeit. Sie war eine fromme Frau. 503